| Burg Herzberg Festival 2007 - Nachlese |
| Geschrieben von Tor Loewenherz | |
| Montag, 27 August 2007 | |
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Stilgerecht reisten wir mit einem VW Bus Camper an. Einige Kilometer vor dem Ziel stieg ein Tramper zu - und stellte sich als ein guter Freund eines Geschäftskollegen heraus, den wir später auf dem Festival treffen sollten. Rock'n'Roll. Die Helfer winkten uns problemlos durch und wiesen uns einen Standplatz zu, der genau passte: Ganz oben auf der Wiese, schöne Aussicht, dazu flach genug, um nachts nicht durch den Bus zu kullern. Das Fest konnte starten.
![]() Bernd Witthüser wirkte wie ein verbitterter alter Mann.
Nunja. Locker geblieben und auf Bernd Witthüser gewartet. Jahr um Jahr habe ich der Dreier-LP von 1971/72 gelauscht, die er mit Walter Westrupp zusammen eingespielt hatte: Trips und Träume, Der Jesuspilz und Bauer Plath waren in diesem Schuber versammelt. Wundervolle akustische Reiseberichte zu anderen Zuständen des Bewusstseins. Doch war der Bewusstseinszustand des Künstlers bei diesem Auftritt nur schwer zu erfassen. Nicht nur, dass Bernd Witthüser alias Bernelli statt der angekündigten 25 Kilo Instrumente nur eine E-Gitarre nutzte. Stattdessen wirkte er wie ein böser, alter Mann, der die ganze Welt hasst. Anfangs schienen seine Spötteleien noch auf schräge Art lustig, doch wurde es immer stranger. Er spielte Songs an, um sie bald darauf wieder abzubrechen, mäkelte von Anfang bis Ende über den Sound, bastelte am Delay, lästerte über Leute in der ersten Reihe, kurz: wirkte wie das warnende Beispiel eines abgestürzten langjährigen Users von Weich- und Flüssigdrogen.
![]() Colosseum mit Chris Farlowe, Jon Hiseman, Barbara Thompson und Mark Clarke Danach folgte Colosseum, die als erste Rock-Band richtig überzeugten. Der Basser wirkte optisch recht bieder, spielte aber vom Feinsten. Und dann Barbara Thompson am Sax! Direkt vor der Bühne war das Ganze einfach ein Genuss. Allerdings sorgte der fette Regen, der bereits bei Götz Widmann eingesetzt hatte, für eine zunehmende Auflösung des Bodens. Nachdem die Bühne sogar halb überflutet war und sich dadurch der Auftritt von Uriah Heep verzögerte, wanderten wir möglichst geschützt bei den Händlern durch. Irgendwo lief Musik, die wie live klang. Sofort hin. Richtig geile Mukke tönte durch einen Stand. Groovig, spacig, elektronisch. Es handelte sich um eine CD von Electric Orange, die Freitag abend auf der Freakstage ihren Auftritt gehabt hatten. Wieder eine Band, die man live erleben muss.
![]() Tanzen mit bloßen Füßen auf dem lehmigen Boden - wundervoll! Doch war auch danach nicht an Schlaf zu denken. Denn nun hämmerten Orange mit progressiven Beats los. Aus der Ferne vermutete ich einen Drummer, Keyboards, dazu ein Didgeridoo und ein Sänger, der nicht nur Oberton- sondern auch Untertongesänge mit hypnotischen Texten integrierte. Ein richtig heftiger Trip, der andauerte, bis die Sonne gegen fünf Uhr morgens das erste gelbe Grau an den Himmel zauberte. Die wenigen Stunden Schlaf waren angefüllt mit intensiven Träumen.
![]() Ougenweide deutlich rockiger als auf alten Platten Mittlerweile war ich auch innerlich auf dem Festival angekommen und hatte meine Hippie-Wurzeln Stück für Stück wieder entdeckt. Schuhe trug ich längst nicht mehr. Stattdessen wühlten meine nackten Füße im Matsch, fühlten die nachgiebigen Vibrationen der Erde bei jedem Schritt. Und ich alter Mann spürte, dass dies meinen geschädigten Bandscheiben gut tat - trotz Schlafens im Bus wurde mein Rücken immer lockerer. Essen war angesagt. Die Auswahl war nicht leicht angesichts der vielen Buden. Leckeres aus aller Herren & Frauen Länder wollte meinen Magen verwöhnen, das Rennen machte ein indisches Gemisch mit Spinat in Erdnusssoße, dazu ein Geflügel-Curry. Zum Verdauen eignete sich "Shantel & the Bucovina Club Orchestar" grade noch. Ansonsten war mir der Mix aus Ethno und Eletronic auf Dauer zu hart und eintönig, so dass ich einfach weiter weg von der Bühne in den Himmel sah, die Wolken beobachtete und die Sonne genoss. Wundervoll chillig.
![]() Mein schönstes Erlebnis auf der Hauptbühne: Die 17 Hippies aus Berlin Pünktlich zu Ende des Konzertes kamen sie dann wieder: Dicke, schwarze Regenwolken. Wir hatten beschlossen, in diesem Fall schnell das Weite zu suchen. Denn eine erneute Überflutung der Äcker hätte bedeutet, auf nicht absehbare Zeit fest zu sitzen. So schlossen wir uns der Kolonne derer an, die wie unsereiner montags wieder arbeiten wollten. Fuhren getragen von viel Musik nach Hause. Und ich beschloss: Wenn wieder Herzberg Festival, dann das volle Programm vom ersten Tag an! Es lohnt sich einfach.
Zur Website des Festivals: http://www.burgherzberg-festival.de/
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