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Das neununddreißigste KoMMz – ein Gonzo-ReCap

KoMMz Bändchen

Es war, ist immer noch irgendwo in Raum und Zeit und wirkt weiter. Das KoMMz, Ausgabe 39, vom 02. bis 04.08.2013, im Nilkheimer Park in Aschaffenburg. Ein äußerst subjektiver Rückblick eines marginal musisch-literarisch begabten Anhängers eines gewissen Herrn Thompson, ohne jeden Anspruch, dessen geniale Subversität auch nur annähernd erreichen zu können.

Das 39. KoMMz – WTF ist KOMMMMMZ?

Okay, auch ein Online-Medium kann der patriarchalisch-technoiden Wikipedia nicht widerstehen und beginnt mit einer Definition. Aber anders. Kennst du KoMMz, kannst du überlesen.

Hiermit biete ich dir folgenden multiple choice shit an:

  1. Eines von hunderten oder gar tausenden OpenAirs jeden Sommer in Deutschland.
  2. Das Abgefreakteste, was Aschaffenburg zu bieten hat.
  3. Eine auf eine Örtlichkeit (Nilkheimer Park) begrenzte und diese gleichzeit metaphysisch phasenweise durchdringende Quanten-Nichtlokalität.
  4. „Ein Voll Geiler Event“ (Klasse 12x des Dalberg-Gymnasiums). „Total Assi“ (Chantalle).
  5. Einfach das KoMMz.

Entree

Okay. Mittenrein. Als Soundtrack und Schwingenpaar läuft eine CD der für mich geilsten Band des KoMMz 2013. Welche? Geduld!

Ja, meine Geschichte mit dem KoMMz. Da ist mein Kumpel Theo, ein feiner Kerl. Hat mir in den 90ern in Frankfurt gesagt: Alder, komm mal nach Ascheberch, da gibt’s das Mühlberg und das KoMMz, das rockt! Ich war dann da. Und kam wieder. Und wieder. Und dann nicht mehr.

Manchmal wird man ein abgefuckter alter Sack. Manchmal nicht. Seit vier Jahren wohne ich in dieser Stadt des KoMMz. Und letztendlich wäre all dieser Wohnortwechsel ohne KoMMz möglicherweise nie passiert. Soviel in Sachen Bell’s Theorem (Scheiß auf die Wikipedia, lass mich meinen Mentor Robert A. Wilson sinngemäß zitieren: „Zwei beliebige Teilchen, die einmal in Kontakt waren, beeinflussen sich auch weiterhin gegenseitig, unabhängig davon, wie weit sie sich mittlerweile voneinander entfernt haben mögen“).

Meine damalige Freundin und ich wurden 1994 in einer äußerst mystisch-magischen nächtlichen Zeremonie zur KoMMz-Königin und zum KoMMz-König ernannt. 19 Jahre später sagt mein Kumpel Snoop, der wie ich seit diesem Frühjahr Single ist (ok, er weniger als ich mehr), dann zu mir: „Lass uns dort zelten.“ Wow, das habe ich seit 1995 nicht mehr dort getan. Wann habe ich überhaupt das letzte Mal gezeltet? Okay, let’s do it.

Freitag, 02. August 2013 – prepare to die

Gegen 12.30 fahren wir mit den ältesten Fahrrädern, die garantiert keiner mitnehmen würde, vor der Hintertür des KoMMz vor. Die Schlange ist nicht unbeträchtlich. Aber – wie uns eine Insiderin versichert – nichts gegen das, was schon morgens um zehn Uhr los war. Anstehen bei gefühlten 40 Grad Celsius an einem der heißesten Tage des Jahres. Freundlicherweise erhöht zuweilen ein KoMMzler mit Sprühteil den Grad der Luftfeuchtigkeit. Transpiration pur. Warum habe ich überhaupt geduscht und frisches Zeug angelegt?

Natürlich liegen alle Frauen am Einlass meinem Kumpel Snoop zu Füßen. Das ist das harte Los dessen, der mit einem Rockstar unterwegs ist. Aber ich komm damit klar. Immerhin kommen wir so geherzt und geknutscht und abgefummelt rein. Also Snoop. Ich kriege nur ein Programm, einen Aschenbecher und eine Tüte. Letztere unrauchbar. Nur für den Müll.

Snoop weiß, wo unsere Zelte stehen sollten. In jeder Hinsicht. Dort ist allerdings – wie uns eine freundliche Helferin erklärt – Familienzeltplatz. Sie will uns schon abweisen, als eine Mutter samt Kind in Ekstase gerät ob unseres Anblicks (natürlich Snoops…) und wir durch dürfen. We are family.

Wir nutzen den begrenzten Platz extrem optimal und connecten unsere Zelte. Ab jetzt könnte jeder trockenen Fußes von einem Zelt ins andere hüpfen. Tun wir aber nicht.

KoMMz Zelt Networking

KoMMz Zelt Networking

Schon beim Aufbau strömt der Schweiß ohne Ende. Als alles steht, schwingen wir uns auf die Räder und fahren an den Main. Raus aus den Klamotten und ab in die kühle Brühe. Geil. Beim Ausstieg pfeifen uns Mädels nach ob unserer Rückansicht. Als wir uns umdrehen, werden sie schnell still. Alte Säcke halt. Haarig.

Heimfahren. Den Rest holen, kurz relaxen, Sachen erledigen. Dann endgültig wieder runter. Immerhin schon bald 15 Kilometer mit dem Rad an diesem fetten Tag. Die Liebeslaube fertig stellen. Und dann: KoMMz!

Freitag, 02. August 2013 – rock on

Julian & Sarah Muldoon & Band, die Snoop ein Anliegen waren, verpassen wir. Ich kriege gerade noch die letzten Lieder von „The Cash Crops“ mit, die ich bereits bei „Brüderschaft der Völker“ (ja, den Artikel hab ich noch nicht geschrieben) gehört habe. Am Ende des Tages landen die Crops bei mir auf Platz 3 der subjektiv besten Band des Abends. Vor allem ihr Wagemut (Eklektik?) in den Kompositionen begeistert mich. Und ey, niemand darf mehr das Wort „Bolero“ in meiner Gegenwart sagen, sonst samplen die sofort rein.

Danach „The Sirkus„. Hab die Jungs kürzlich erst in der Unsagbar gehört, wo sie mir zu laut waren. Jetzt dagegen sind sie da, wo sie (auch, aber nicht nur) hingehören: Auf ner größeren Bühne. Mit richtigem Sound. Und sie pusten mich weg. Alles passt zusammen. Und damit auch Neuleser hier es verstehen können: Ich bin Bassist. Hab lange gespielt, war lange weg und spiel seit kurzem wieder. Und als ich The Sirkus hörte, dachte ich: Hey, das würde mich reizen. Analysiere die komplette Gestalt der Musik mit ihren Stärken und Schwächen. Snoop und ich sind einer Meinung: The Sirkus sind so geil, die könnten locker vor 50.000 als Hauptband des Abends spielen. Max Stimme ist der Hammer. Die Musiker passen super zueinander. Und ich höre auch Dinge, die ich anders machen würde: Mehr Präsenz zwischen den Songs. Oder Loewenherz-spezifisches wie eine zweite Stimme bei manchen Passagen oder die Obertonflöte beim Intro. Doch dann erfahre ich, dass mein Kumpel Michel – der in vielen Dingen besser basst, als ich es je war – mittlerweile bei The Sirkus fest als Bassist eingestiegen ist. Aus mit dem kurzem Traum. Anyway, The Sirkus sind für mich die beste Band des Freitags.

Gespannt bin ich auf Okta Logue. Später End-60er Indie-Psycho-Pop, oder so. Nicht schlecht. Aber nach The Sirkus fallen sie einfach ab – zu glatt, zu vorhersehbar, zu wenig Intensität. Aber dies aufgrund der Band davor, nicht der eigentlichen Leistungen. Ansonsten hätten sie stärker wirken können.

Die Überraschung ist dann „Käpt’n Peng & Das Tentakel von Delphi„. Okay, der Name klingt extrem cool. Aber HipHop? Ich lasse mich darauf ein und werde reich belohnt. Was aber weniger an der Musik liegt als an der Performance und vor allem: Den Texten! Hammer! Ich kenne keine der Typen auf der Bühne. Aber was dort an Textgehalt rüberkommt, ist für mich ein absolutes Vorbild. Sozusagen das Gegenteil zu dem „Isch bin so geil, Alder, und diss alle anderen“. Stattdessen genial komponierte Geschichten. Ein Abend mit Käpt’n Peng könnte manchen ein Dutzend psychotherapeutische Sitzungen sparen. Insofern: Für mich Platz 2 in der Wertung des Abends.

Große Hoffnungen hatte ich dagegen auf Kottarashky mit ihrem Electrobalkanswing gesetzt. Und während mich die Tentakel Delphis positiv überraschten, fiel die Hauptband des Abends so dagegen ab, dass wir lieber unsere erhitzten Körper in den Main tauchen. Der Rest der Nacht? Nobody knows. Ca, c’est KoMMz. Sex-Bar. Kochkäs und Weißwein. Wohnraumhelden. Begegnungen. Die Trommelei unterm Baum zieht null. Teezelt mit Traumfrau. Jam-Planung mit Michel. Ablegen.

Samstag, 03. August 2013 – holy shit

Oh ja, der Samstag. Aus den Zelten schälen, alle Glieder nachzählen. Ein Dankgebet an den Erfinder der Ohrenstöpsel. Wieder Mensch werden bei „Stute und Hengst“. Mit Snoop, Sylvia und Inga wach babbeln. Irgendwann steigen Snoop und ich auf unsere Räder und brettern heim, jeder hat was zu tun. In meinem Fall: Workout, Dusche, Frühstück mit lecker Obstsalat, Mails checken, die Welt retten, ne Runde Reiki machen. Danach treffen wir uns wieder. Runter zum KoMMz. In der Sexbar höre ich diverse Singer-/Songwriterinnen. Gute Stimmen, feine Sache.

Chillen mit Inga und Sylvia. Mit Big Mandrake in den Abend starten. Geiler Latino-Ska von coolen Jungs, die schon den Tag über extrem mafiös über den Park skalierten. Platz 3 in der Tageswertung. Und erstmal einen Salat mit Feta und Rotwein.

Dann: Royal Street Orchestra. World from Wuppertal. Ballern mich einfach weg. Zwei Drummer. Dazwischen Armin am Bass als das pumpende Herz, das alles verbindet und ekstatisch nach vorn treibt. Im Unterschied zu den Venezolanern (?) von Big Mandrake ist das Deutsche an der Weltmusik hörbar. Die mental-technische Brillanz der musikalischen Architektur. Dazu ein bisschen zuviel „Wir haben unsere CD’s dabei“. Doch der Live-Faktor rockt einfach. Insofern: Für mich die beste Band des Abends und auch Platz 1 in der Gesamtwertung 🙂 Hätte ich vorher gewusst, dass die im guten alten Hazelwood waren…

Dabei führen sie denkbar knapp. Denn danach: Ceux Qui Marchent Debout aus Frankreich. Funk. Hammer-Gebläse. Brachial-Tuba. Platz 2 des Abends. Vor allem, nachdem die Jungs von der Bühne mitten rein ins Publikum sind und dabei einfach nur abgehen. Tanzen neben der wundervollsten Frau des KoMMz. Austausch persönlicher Realitäten, Arbeiten im Auftrag der Licht & Liebe-Göttin. Dankbarkeit.

Ich stellte mir als perfektes Finale des Abends (nein, nicht des indivuell-dualen, sondern musikalischen) eine Session mit Musikern von Mig Mandrake, Royal Street Orchestra und Ceux Qui Marchent Debout vor. Verdammt, wär das heiß gewesen und so naheliegend. Stattdessen Fiva & Das Phantom Orchester. Nicht schlecht, aber nachdem ich die Texte von Käpt’n Peng gehört habe, ist das einfach nur langweilig. Typische Sujets und Synthi-Sounds.

Lieber wieder nackt schwimmen im Main. Die gerade anwesenden Damen wollen nicht mit. Was uns wieder zeigt, wie wertvoll angesichts so viel geballter Unlockerheit eine richtig gute und zu allem Unsinn breite Männerfreundschaft ist.

Abkühlen. Die Trommelei unterm Baum zieht null. Teezelt mit Michel und einem Musiker von Royal Street Orchestra. Session bis morgens um sechs. Aber nicht mit mir. Irgendwie knockt mich der Chai Tee so aus, dass ich mich ablege. Und feststellen muss, dass diese Nacht deutlich kühler ist. Frieren. Kein Löffelchen in Sicht. Zu cool. Fuck.

Sonntag, 04. August 2013 – climax mystique

Another day in paradise. Auch Snoop kriecht allein aus seinem Zelt. Dennoch guten Mutes zu „Stuten und Hengste“, wieder etwas menschlicher machen. Die übliche Entscheidung: Bleib ick nu oder geh ick nu? Snoop bleibt. Ich fahr wieder heim zu Obstsalat, Dusche, Smartphone aufladen und Reiki. Hey, Frühsport mit 10 Kilometer Rad. Und frische Klamotten. Und vor allem: Ich denke endlich daran, meine Obertonflöte einzupacken. Dieses Instrument habe ich Anfang der 90er im Rahmen von Musiktherapie-Workshops lieben gelernt, sofort gekauft und im Laufe des letzten Jahres wieder verstärkt lieben gelernt. Sofortige Resonanz auf dem KoMMz: Die Damen an der Rezeption bitten um ein spontanes Konzert. Erst bin ich schüchtern und merke dann, wie sehr ich mich dem Spirit des KoMMz verweigern würde. Also öffne ich mich und spiele. Jetzt und im Laufe des ganzen Abends. Und das tut gut.

Update am Zelt. Schnusen übers KoMMz. Ich lande in der Sexbar bei Soki Green. Lausche und bin geplättet. Absolut perfekt chillig. Drei Menschen mit schönen Songs. Die beste Band des Tages und damit Platz Nummer 3 in meiner Gesamtwertung des KoMMz 2013. Wenn es nur nicht so nach Kotze riechen würde. Da haben sich wohl wieder ein paar Halbstarke überschätzt… Aber auch das ist KoMMz. Grenzen finden, testen, ein wenig mehr Toleranz und vor allem auch Aufmerksamkeit lernen.

Cooles Chillen dreier Herren und ein wundervolles Lächeln

Cooles Chillen dreier Herren und ein wundervolles Lächeln

Kurz checke ich Geraldino und die Plompster, wo die Hauptbühne wieder mal am Sonntag für Kids & Family rockt und finde sie genauso doof wie möglicherweise in den 90ern. Snoop fährt drauf ab, weil er einen Song total geil findet.

Egal. Ich lande stattdessen erstmals bei der Bühne am Römerbad, treffe Mr. Shalimar himself und höre den geilen „hey-sei-dunkel-und-breit“ Stoner-Rock von Spare Time. Und wechsle wieder zeitig vor die Hauptbühne, um Florian Zack zu lauschen. Yeah, geht gut ab und hat leider weniger ZuhörerInnen als ich ihm wünschen würde. Wir tanzen, freuen uns des Lebens. Nach der Hälfte des Gigs passt es dann, etwas zu wenig Abwechslung im Reggae- und Ska-Rhythmus. Außerdem verspürte ich alter Romantiker den Drang, mich die Liebeslieder des Florian adäquat zelebrierend einer Dame vor die Füße zu werfen, einer Gefahr, der dringend entgangen werden muss.

Passt eh, der anti-zyklisch erworbene Essensbon schreit nach Erlösung. Und trifft leider mitten auf den Schlangenzyklus beim Abendmahl. Doch irgendwann halte ich den KoMMz-Burger (mit Tier) in Händen und finde eine Bank. Der Burger enttäuscht unerwartet, dafür mundet der Wein. Und es lassen sich lauter alte KoMMzler an meinem Tisch nieder, tauschen Erinnerungen („Das war beim ersten KoMMz, nicht beim zweiten“), laden mich ein zu obskuren, nichtsdestotrotz hochwillkommenen Begegnungen.

KoMMz Veteranen

KoMMz Veteranen

Bis ich einen geilen Bass höre und zur Bühne stürze. Anna Katharina Trio. Brillant. Super für einen Sonntag. Aber leider falsch herum zu Florian Zack. Denn es ist einfach Musik zum Sitzen und zuhören, nichts, was den Groove für den Abend trägt. Dafür viel zu sophisticated. Auch wenn die technische Brlllanz in diesem Fall extrem hoch ist (und ich den Basser genieße): Wenn die Seele der Musik für mich nicht hörbar ist, hält sie mich auf Dauer nicht.

Ein Check beim Teestand zeigt mir einen durchgeknallten Japaner (?) unter dem Baum, den sonst die Trommler okkupieren. Sein Kumpel hat auf ein Klapprad ein mobiles Drumset geschnallt. Und eine hochgradig anthroposophisch betulicht wirkende Frau gibt Wild Thing von den Troggs zum Besten wie Gina Wild auf Homöopathie in höchster Potenzierung. Das Ganze ist so extrem schlecht, dass es schon wieder geil ist. Was an dem Asiaten liegt, der einfach alles gibt. Und ich kenn den Typ. Ob von ganz früher von der Zeil oder von einem vergangenen KoMMz (ersteres stimmt, es ist Crazy Chong). Am liebsten würd ich mir das Mikro schnappen, Wild Thing wirklich böse rausrotzen und mit der Flöte übersteuern. Aber mein Anwalt hält mich zurück, ich bin noch nicht bereit.

Durchgeknalltes Abrocken

Durchgeknalltes Abrocken

Insofern lande ich bei den wüsten Neubautlern am KoMMz-Recycling-Stand und improvisiere mit meiner Fujara ein wenig zum Klangchaos. Bis ich den fetten Bass des KKC Orchestra höre und wieder zur Hauptbühne wandere. Ah, Franzosen. Mein genetisches Erbe resoniert. Nur um kurz darauf von der Musiker-Polizei eine aufs Dach zu kriegen: Kein Bass, kein Dummer, geht ja gar nicht. Lauter Hansels vor Keyboards, einer steuert mit seiner Akustic-Klampfe Midi an, der Leader hüpft rum. Ich dreh noch ne Runde und lande irgendwann wieder vor der Hauptbühne. Und diesmal kriegen sie mich. Die Gene sind stärker als postfreakales Musikbildungsbürgertum. Die Frenchmen (samt Vorzeigfrau) rocken wie die Sau und alles geht ab.

Nichtsdestotrotz chille ich weiter am Teestand. Treffe Bea aus Babenhausen und ihren Verehrer. Wir pflegen geistige Gangbang-Onanie, bis mir das Ganze zu blöd wird. Vor dem Bierstand sollten die Wohnraumhelden spielen, die bereits die letzten beiden Abende das KoMMz gerockt haben. Doch heute fallen sie leider aus und hey, The Sirkus springen kurzfristig ein. Böser Psychedelic-Stoner-Beat statt Fleischsalat. Who do you love, geil. Doch erst stärken bei Kochkäs-Brötchen und Weißwein. Dann richtig The Sirkus, wo mittlerweile die Freaks abgehen. Hatte ich nicht noch am Freitag gesagt, dass die Jungs locker vor 50.000 spielen könnten? Und jetzt sind sie hier, ohne richtige Bühne, mit kleiner P.A., direkt auf Tuchfühlung. Sollten sie wirklich dranbleiben, kann manch einer in fünf oder zehn Jahren sagen: „Damals standen die auf Armlänge von mit entfernt…“

Klanggestänge

Klanggestänge

Wir grooven mit The Sirkus, die schönste Frau des diesjährigen KoMMz steht neben mir. Und dann? Ist alles vorbei. Schluss, Aus, Dezibel-Messungen. Das Jam-Date mit Michel im Teezelt? Fraglich. Und eh ich mich versehe, stehe ich vor dem Baum, unter dem seit Tagen die Trommler dröhnen. Hey, da will ich doch gar nicht hin. Immer diese Trommelei. Ein freundlicher männlicher Mensch, später identifiziert als Mathias Abdulkader, bietet mir eine Djembe an und lädt mich ein in den Kreis. Hmmmmm. Neee. Hmmmmm. Oder? Es sei eine wirklich gute Djembe, sagt er. Ich sehe einen freien Platz seitlich am Kopf dieses Ortes. Sieht aus, als würde er auf mich warten.

Ich nehme die Djembe und gehe dorthin. Klemme sie zwischen meine Beine, die Öffnung schräg. Tauche ein in den Sound. So viele tönende Menschen um mich herum. Ich horche. Fühle. Streichle das Fell. Lausche auf meinen ganz persönlichen Platz im Ganzen. Dort, wo niemand ist, aber jemand sein sollte. Finde ihn. Beginne zu spielen.

Der Platz wird weit. All diese Tage habe ich die Trommelgruppe gemieden, keinerlei Anziehung gespürt. Jetzt bin ich mittendrin, ein Teil des Ganzen. Gehe auf und bin glücklich. Fühle mich willkommen geheißen. Höre den drängenden Beat des Jungen links neben mir und die Sehnsucht des sich zögerlich rantastenden Älteren rechts neben mir. Baue eine Brücke zwischen dem Gesamtsound und den beiden. Integriere den Jungen und spiele Frage-Antwort-Spiele mit dem Älteren. Gehe immer mehr ab. Bis ich eine Macht hinter mir spüre. Drehe mich um und sehe die Frau mit der Trommel. Umgeben von anderen. In diesem Moment wird sie für mich zur Medizinfrau, die Menschen, die sie mit Trommeln und Stimmen begleiten, zum Chor der Ältesten. Die Verbindung zu unseren Ahnen. Ich lausche erneut und intensiver. Wir sind zwei Kreise: Die Ältesten hinter mir und die Gruppe vor mir im öffentlichen Kreis. Ich synchronisiere mich mit der Medizinfrau, setze ihren Groove um in der vorderen Gruppe, integriere wiederum deren Antwort und gebe dies zurück, lausche auf ihre Antwort. Fühle mich als Mittler zwischen den Welten, als Medium. Und erlebe wieder das, was ich zuletzt 1994 beim KoMMz hatte: Eine ganz persönliche mystische Erfahrung.

Trommelbaum

Der Trommelbaum ohne den Zauber der Nacht.

Der freundliche Mensch, der mich eingeladen hatte, schnallt sich nun ebenfalls eine Djembe um und steigt ein. Er ist für mich das Pendant zur Medizinfrau, nur eben im vorderen Kreis. Er rockt ab, mal bilde ich die Basis, mal gehe ich nach vorn. Ich weiß, dass ich auch manchmal daneben liege, bin mir nie wirklich sicher, das zu treffen, was musikalisch genau richtig wäre. Aber das ist nicht wichtig, so wie es ist, ist es gut. Bis irgendwann der Punkt erreicht ist, wo ich die Djembe abgebe und gehe.

Noch ein letzter Chai im Teezelt, wo sich mittlerweile die Pärchen immer intensiver finden und ich mich leicht deplatziert fühle. Hey, es ist bald zwei Uhr morgens, also verschwinde ich ins Zelt, in eine wieder etwas zu kühle Nacht.

Lustige Trinkspiele auf dem KoMMz

Lustige Trinkspiele auf dem KoMMz

Montag, 05. August 2013 – Goodbye

Mein Gehörschutz versagt angesichts der Lautstärke des Berufsverkehrs auf der Straße direkt neben dem Nilkheimer Park. Um halb neun gebe ich auf, parallel mit Snoop. Wir kriechen aus unseren Zelten und treten wieder ein Mal den Gang an zu „Stuten und Hengste“. Wenig Verkehr dort heut morgen, dafür sind einige Zerstörte immer noch unterwegs. Waschen und Zähne putzen, ein nettes Mädel von Irgendwo kennen lernen.

Wir packen unsere Zelte zusammen, Snoop raucht eine Abschiedszigarette am Rondell. Wir treffen einen Osteuropäer, der uns vorschwärmt, was man hier Montags alles an liegengelassenen Alkoholika finden und recyceln kann. Der dann wiederum ein Urgestein trifft, das gerade seine neuste Eroberung präsentiert: Ein Tetra-Pack Rotwein sowie eine Flasche Bizzel-Wasser. Er mischt das Ganze und ist happy. Wir zollen dem Ganzen unsere Anerkennung und wissen zugleich: Uns ist das zu hart. Zeit nach Hause zu kommen. Schwingen uns auf unsere Räder und grooven singend heimwärts. Auf den Lippen eine spontane Improvisation: „Bea mit den B’s aus Babenhausen“. Der perfekte Hit für die Wohnraumhelden 2014 auf dem KoMMz. Ich stelle mir vor, wie alle zusammen „Babenhausen“ gröhlen und krieg mich kaum mehr ein.

Credits

Und hier noch:

  • Danke an die jungen Bodybuilder, mit denen ich plötzlich ins Gespräch kam, und einer von denen sagte: „Genau das liebe ich am KoMMz!“
  • An den Menschen, der mich darauf aufmerksam machte, dass ich meinen Geldbeutel im Teezelt verloren hatte.
  • An all die Stressfreien, die mir begegnet sind. Ich habe keinen einzigen Streit oder ähnliches mitbekommen.
  • Special thanks to Snoop. Ich den Verdacht, dass er mich 2014 wieder fragen könnte, ob wir nicht zelten wollen. Und ich befürchte, ich könnte „ja“ sagen. Und verdammt, es wird das 40te KoMMz sein. Und dann genau 20 Jahre her, dass ich KoMMz-König war 🙂 Maybe another fucking magic-mystery tour.
  • Und vor allem: Ich danke hiermit all den Menschen, die zum Gelingen des KoMMz beitragen. Ihr macht einen wirklich harten Job und ohne euch könnte wir all dies nicht jedes Jahr aufs Neue erleben. Insofern: Danke, danke, danke! Und ganz besonders stellvertretend für das ganze Team mein Dank an die wundervolle Evelyn, an Isa für die Teller sowie Petra & Kollegin dafür, dass sie das Eis mit der Fujara gebrochen haben.

Und alle zusammen: HEEEELLLLLGAAAAAA 🙂

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

2 Kommentare

  1. Pingback: Finki-Festival 2013 - DAS Krautrock Festival im Odenwald

  2. Wer sich wundern sollte, dass es keinen Bericht über das KoMMz 2014 gegeben hat: Ich war da. Leider starb ein KoMMzler am Tag des Beginns und ein Schatten lag über dem Ganzen. Meine wichtigsten Erinnerungen Monate später: Als Helmut Hattler mir von der Bühne herunter die Hand geschüttelt hat. Und der abgefahrene Auftritt von Pretty Lightning aus der saarländischen Heimat.

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