Wer ist Tor Löwenherz?

Eine Vorstellung des Musikers, Journalisten und Internet-Freaks, der hinter Muzik23 steckt: Biografie, Bands, Veröffentlichungen und Aktuelles.

Die Geschichte

Hier schreibt Tors alter Kumpel Karl-Heinz Spock.

Wilde Trommelsessions auf bunten Förmchen

lieferte ich mir mit Tor schon im Sandkasten. Da bin ich wohl der richtige, seinen musikalischen Lebensweg zu skizzieren. Also: An einem Samstagabend Mitte November 1963 hat er das erste Mal halböffentlich improvisiert, sofern er nicht nur dumm gegrinst hat, als sie ihn kurz vor Mitternacht endlich überredet hatten, ihr Spiel mitzuspielen. Als Tor fünf oder sechs war, versuchte er mal’ne Weile mit einer Blockflöte kleine, bunte Männchen zu verfolgen, die auf fünf waagerechten Linien Spässe machten, aber ich weiß nicht, ob er auch mal welche gekriegt oder nur simuliert hat. Mit acht überredeten ihn seine Eltern, ihre Träume zu erfüllen. Also schleppte er sich durch fünf Jahre Klavierunterricht, bemüht, den untersten Anforderungen zu genügen, bis mit 13 eigene Träume zu wachsen begannen, der Lehrer gehen mußte und er sich einfach auf den Tasten auszudrücken versuchte.

Mit 18 und frischgebrochenem Herzen

auf einer Tramptour, wachte Tor eines Morgens in einer Art Scheune im Bayernland auf. Die Fledermäuse hatten sich schon seit ’ner Weile zurückgezogen, die Sommersonne zeigte ihm seine Umgebung zum ersten Mal und (tusch!): über ihm unter der Holzdecke schwebte eine Stratocaster. Zurückgekehrt gab er kurz darauf die Hälfte seines Gesparten aus (ursprünglich für seinen ersten Computer gedacht, den er bis heute noch nicht hat [stimmt nicht, Karl-Heinz, seit 1996 ist er da]) und kaufte sich gebraucht einen Strat-Nachbau mit Kofferverstärkerchen sowie Peter Burschs Gitarrenbuch. Und als ihm nach einem halben Jahr Peter von Louis-Musik sagte, er suche einen Freiwilligen für einen Bass, meldete sich unser Held wie von unwiderstehlichen Kräften gezogen. Der Höfner-Bass kostete 30 Makk (mit Koffer), aber nach Reperaturen und Umbau (bei Michael Braun, der zur selben Zeit auch für Pet Metheny gebaut hat) hatte sich die Computerei erstmal erledigt, und die Faszination, die von den vier Saiten ausging, übertraf auch schnell die der Gitarre. Er war einer Menge Fertigmache ausgesetzt („Na, Frisbee, war’n sechs Saiten zuviel? Mach doch noch drei Saiten ab, vielleicht klappt’s ja mit einer! Harhar“), doch graad selääds.

Ein Monat harten Übens,

und er wußte langsam, wo alle Töne lagen, kannte Dur- und Moll-Tonleiter. Tor stand gerade als Schauspieler beim Statt-Theater Saarlouis bei Dürrenmatts ‚Physiker‘ auf der Bühne, als er während einer Aufführungspause beim Pinkeln den Keyboarder einer Band neben sich vorfand, deren Musik ihn bei einem Konzert drei Jahre früher tief berührt hatte. Sie suchten gerade einen Bassisten, er war gerade zu einem geworden, und so hatte er seine erste Band. Es lief gut; als der Zivildienst begann und endlich mal etwas Kohle reinkam, steckte er fast alles in die Musik. Und als Tor nach 15 Monaten und einem Konzert bei ‚Bernstyn‘ ausstieg, hatte er viel gelernt, eine gute Bassanlage und einen Squier Jazz Bass. Den dritten Umbau – diesmal in Eigenbau – hat der Höfner nicht überstanden: nachdem er die Bundstäbchen rausgenommen hatte, konnte man damit nur noch Punk spielen.

Ein halbes Jahr ohne Band verging,

in der the lonesome bassman viel übte, gar die Anfänge des Slappens entdeckte & mit bewußtseinsverändernden Substanzen in Kontakt kam (ich bin unschuldig). Da sprang ihm ein Aushang in die Augen und wiederum wurde er Mitglied einer ungewöhnlichen Band: ‚Procyon‘.

Löwenherz während eines Procyon-Konzertes vom 06.09.85Über drei Jahre blieb Tor dabei – eingeschlossen ein kurzes Intermezzo bei der ‚Uwe Peter Bande‘ -, während sich sein Spiel und das der Band entwickelte. Sie machten Art-Rock im Stil der alten Genesis oder Anyone’s Daughter & Rock-Jazz, hatten einige erfolgreiche Auftritte und er fand seine erste Bass-Schülerin (Sylvia war für ihn damals die schönste Frau der Welt, sie war 30, hatte drei Töchter und er war natürlich über beide Ohren verliebt). Am Ende hatte ‚Procyon‘ die ‚Villa Kunterbunt‘ (einen geilen Proberaum in ’ner Tiefgarage), und als die Hälfte der Band (darunter die zwei Köpfe Jens Lück & Christian Schneider) nach Hamburg emigrierten, lösten sie sich auf. Höhepunkt seiner anschließenden kurzen Odyssee war ‚Mask‘, eine poppige Rock-Band mit Jazz/Funk-Einflüssen. Es ist bis heute die einzige Band, aus der er rausgeflogen ist; dies, nachdem die rothaarige Sängerin (die Freundin des Bandleaders) und werwohl einander verfielen und fast vier Jahre lang nicht voneinander loskamen, bis er nach Frankfurt auswanderte, wo er bereits für „den rasenden Bass-Boten“ bzw. „the bass“ schrieb..

Die geilste Zeit mit einer Band

überhaupt verbrachte Tor allerdings noch im Saarland: ‚Ven Dease‘. Erst wollte er gar nicht (er hatte mal’n miesen Gig gesehen), doch nachdem man ihn mit falschen Aussagen in den Keller gelockt hatte, fuhr er höllisch ab. Endlich konnte er alles spielen, was er wollte: Rock und Reggae, Funk und Soul, Punk und New Wave, Swing und Tango, gewürzt mit kritischen und oberwitzigen Texten (ohne erhobenen Zeigefinger oder Plattheiten) und überhaupt. Es war die Band mit dem tollsten Bandfeeling (klar, Huddel gebbts iwwerall, wie schon Didi von ‚Captain Sperrmüll‘ dem Tor erklärt hatte). Daß sich der Proberaum im Keller einer ehemaligen Brauerei befand, an eine Freibierpipeline angeschlossen war (Fritz Bräu & Becker’s ohne Ende) und sie auch noch’n gemütlichen Aufenthaltsraum besaßen, tat ein übriges. Dreieinhalb Jahre und ’ne Menge Gigs über blieb er dabei (mit ’ner Zweitliaison bei den ‚Southerly Bursters‘ aus Saarbrücken), hatte am Ende noch einige andere, improvisationsorientierte Projekte  wie ‚Chinaskis Revenge‘ laufen – zusammen mit Mirko Schmitt, einem phantastischen Trommler aus dem gleichen Dorf – oder Aushilfstätigkeiten bei ‚Great Colours‘ für einen seiner Schüler oder gar die Dreharbeiten für Super Drumming 3, wo er Kontakte zu Pete York und Ian Paice knüpfte, bis er – da ihm Nina ‚Nini‘ Hagen am Rande des UFO-Kongresses 1989 in Berlin die Augen und manches mehr geöffnet hatte – dann im Sommer 1990 mit sechs Bässen und einer Hoyer E-Gitarre ins Reich emigrierte und bislang nicht zurückkehrte.

In der Musikprovinz Frankfurt

lief bandmäßig nicht viel. Zuerst ‚Tit for Tat‘, eine Rock&Funk-Band, mit denen Tor eine Paris-Tour absolvierte und anschließend gefrustet das Weite suchte, dann die ‚Twentythree Lunatic Aliens‘ zusammen mit seinem Zimmergenossen Nebel initiiert (sie probten in der Mensa der FH Nordweststadt!), und schließlich ‚Let Go‘, die aufgrund Proberaumverlustes verschied. Dafür entdeckte er seine Liebe zur freien Improvisation in FH-Seminaren & in Sessions im Wohnheim-Treppenhaus (dem genialsten Hallraum), der Betonic-Bar oder auf dem 13. Stock mit Rundblick über Frankfurt, der Mutter der Illusionen. Und ‚Can‘ wurde zu seiner definitiven Lieblingsband.

Befreit die Realität!

Nachdem sich ihm im April 92 ein Vierspur-Gerät angeschlossen hatte, konnte er die ‚Reality Liberation Front‘ ins Leben rufen, und endlich ohne Band & ohne Proberaum im winzigen Wohnheimzimmer mit sich selbst und manchmal mit GastmusikerInnen musizieren. Zusammen mit seinem Bass-Kollegen Member gründete er das Projekt „Zwei Bassisten auf dem Weg zu Hölle“, aus dem dann PLK (‚PiLaKa‘ – ‚Pippi Langstrumpf kifft‘, die auch eine kurze Karriere als Dada-Studenten-Vereinigung hatte) und noch später das Literatur-Performance-Projekt Valis hervorging. Parallel war er Mixer von ‚Lay de Fear‘ – einer Improvisationsband um Member, Stolle und Chris Fear, aus derem Humus dann die heute noch aktiven „The Whole“ (Frankfurt, Karlsruhe, Offenbach) wurden – mit dem persönlichen Highlight eines Abends mit Damo Suzuki und dem gemeinsamen Singen des alten CAN-Songs „Halleluhwah“. Den Abschluss dieser wilden Studentenjahre bildete seine Diplomarbeit zum Thema „Musikimprovisation“.

Vaterjahre

Ab Mitte der Neunziger wurde es ruhiger. Das Frankfurter Musik-Magazin Kick’n’Roll, für das Tor viele Jahre lang geschrieben hatte, segnte aus finanziellen Gründen das Zeitliche. Neben Performance-Auftritten mit Valis hatte Tor nur noch eine relevante Band: „The electric Gumblekwon“, die er zusammen mit dem Ausnahme-Gitarristen Bandow (heute LOW500) gründete. Dazu gab es verschiedene, oft spontane Kurzauftritte u.a. mit dem Projekt HELGE (und einem Live-Strip Bandows) oder dem Oberurseler Duo Achim & Lena. Tor hatte seine Schwerpunkte verlagert: so führte ihn der Gesangsunterricht bei der Frankfurter Lehrerin Dana Buchenau (Meisterschülerin von Cornelius Reed, New York) zu seinen ersten Opernarien und damit in völlig neue Musikbereiche. Er startete aufgrund seiner Verbindungen ins Musik-Business eine Agentur und managte Bands wie Klischee wie Sau, M.E.L.T. oder Puppenklinik. Erstere wollte er auch produzieren, hatte bereits Kontakte zu Visions und dem Bizarre-Festival gebahnt, als zweien der vier Boys dann doch der Mut für den letzten Schritt fehlte.

Das Leben in Proberäumen war Tor mittlerweile zu laut geworden – die Worte seiner ersten Tochter waren interessanter geworden als die immergleichen Riffs. Nach 17 langen Jahren Rockmusik reichte es ihm und er verkündete das Ende seiner bunten Laufbahn. Bässe und Equipement wurden verkauft, nur noch die wichtigsten Stücke für den Fall der Fälle zurückbehalten. Ob es je ein „I’ll be back“ geben wird? Zeitweise wurde gemunkelt, dass Tor über ein reines A-Capella-Projekt nachdenkt und bis Ende 2006 seine Lieblingsarie vortragen wollte und ausserdem immer noch das dritte Valis-Programm seiner Darbietung harrt. Geschehen ist davon allerdings nichts. Als gesichert gilt allerdings die Information, dass er seinen Akustiv-Bass im Frühjahr 2008 vom Speicher ins Arbeitszimmer transferiert hat. Ob der Bass allerdings gegen die Faszination des Computers ankommen kann? Und ob dies im Kontext der Info zu sehen ist, dass Lupo der Zinker unseren Tor um den Jahreswechsel 2007/2008 bezüglich eines VenDease-Revival-Konzertes im Saarland kontaktiert hat? Jedenfalls arbeitet Tor in 2008 an der Spezial-CD-Edition von VenDease, unterstützt von der Photo-Sound-Klinik aus Frankfurt. Lassen wir uns überraschen…

Ich wünsche jedenfalls jedem Leser Gesundheit und ein langes Leben

Mr. Karl-Heinz S. aus einem nördlichen Spiralarm von NGC 2342.

The man is back

Okay. In Kürze und diesmal selbst, nicht durch den Mund von Karl-Heinz Spock:

November 2012 durch eine tolle Session auf meiner Geburtstagsparty wieder die Lust am Spielen bekommen. Und es ist seitdem tatsächlich wieder etwas passiert, deshalb hier eine kleine Liste:

Aktionen 2014:

05-07.12.2014: Drei-Tages Impro-Workshop mit „Der Berg Groovt“ auf der Akademie Reuschberg. Tonträger sind in Produktion
30.05.2014: Freie Improvisation auf Schloss Berlepsch (Gesang, Obertonflöte, Percussion) zusammen mit Sally Grandt (Gesang, Berlin), Oliver Klatt (Monochord, Berlin), Dirk Sznur (Didgeridoo, Berlin).
Ein paar Sessions im Stern, Aschaffenburg.

Auftritte 2013:

23.10.2013: Musiker-Treff im Stern, Aschaffenburg. Mit Christine Leban, Michael Hauck, Dirk Killian und vielen anderen. Instrument: Bass. Repertoire: Bekannte Songs sowie Eigenkompositionen der jeweiligen Musiker.
24.08.2013: Geschlossene Veranstaltung, Mainz. Begleitmusiker von Conni Maly. Instrumente: Djembe, Obertonflöte, Bass. Repertoire: Songs von Conni (von CDs wie „Wunderbare Elektrofrau“ oder „Alien Revolution“.
31.05.2013: Reiki Convention 2013, Parimal Gut Hübenthal, Witzenhausen. „Magic Power Drums“-Konzert mit Walter Lübeck, Mark Hosak und Benjamin Maier. Instrumente: Bass, Obertonflöte. Repertoire: Mantren und Songs von Walter Lübeck.
30.05.2013: Reiki Convention 2013, Parimal Gut Hübenthal, Witzenhausen. Mit Peter Mascher und Oliver Klatt, Instrument: Obertonflöte. Repertoire: Frei improvisierte Musik und Clownstheater.

Banddaten

Hier finden sich einige Bands oder Projekte, in denen Tor Löwenherz aka Frisbee aka Zopf zu Gange war. Natürlich nur wichtige oder längere Projekte.

Bandname Zeit Ort
Bernstyn 26.02.83 – 09.04.84 Saarlouis
Procyon 10.10.84 – 21.08.87 Saarlouis
Uwe Peter Bande Mai 1985 Saarlouis
Mask 20.09.87 – 22.10.87 Überherrn
VenDease 28.11.87 – 26.05.90 Saarlouis
Southerly Bursters 15.07.88 – 06.10.88 Saarbrücken
Chinaskis Revenge 1989/90 Ensdorf
Tit for Tat 30.04.91 – 04.07.91 Eschborn
23 Lunatic Aliens 21.09.91 – 02.05.93 Frankfurt
Reality Liberation Front 04.1992 – 2005 Frankfurt / Oberursel
Let Go 1992 Offenbach
PiLaKa 1992 – 1994 Frankfurt
The electric Gumblekwon 1996 Oberursel
Valis 1997 – 1999 Frankfurt / Oberursel

 

Veröffentlichungen

auf Tonträger bzw Unterstützung dazu:

* Ven Dease: Live 89, MC, Leico 7755
* Inner Spaces: Frei improvisierte Musik aus Frankfurt/Main, MC, Frankfurt 1993
* Reality Liberation Front: Abgefrankt und weggezopft, MC, Frankfurt 1995
* Trisomic Shiva: Liquid Sky. Bass, Guitar, Vocals and Ideas on „I love You“, MC, Frankfurt, 1995
* Lay de Fear: Perception. Live-Mix und Sound von Seite B, MC, Frankfurt 1995
* Markus Sachs & FlexiBel: Voyage of discovery. Bass on „Nonsense (in my head)“, CD, Frankfurt 1995
* Valis: Deine Cochlea wirth drudeln, CD, 69 min., MUZIK!, Juli 1998
* Valis: Kosmische Pforten, DoCD, 129 min., MUZIK!, März 99
* PLK: Clean Your Soul, DoCD, 101 min. MUZIK!, Juli 1999
* Procyon: Feuerzeichen, CD, MUZIK!, 2000
* Krass Druff Blues Band: Lonesome Bassman, CD, 69 min., 2000
* Reality Liberation Front: Let it roll, CD, MUZIK!, 2001
* Reality Liberation Front: Dragonfly, CD, MUZIK!, 2001
* Reality Liberation Front: Skunk Rehearsal, CD, MUZIK!, 2001
* 23 Lunatic Aliens: Sex & Drugs & Spülmaschinen, CD, MUZIK!, 2001
* Inner Spaces: Frei improvisierte Musik aus Frankfurt/Main, CD, 77 min., 2001
* Bernstyn: in Concert, DoCD, 150 min., 2002
* Ven Dease: Live 89, CD, 71 min., 2002
* Procyon: Eine Reise beginnt, CD, 65 min., 2003
* Procyon: Iridium Flare in Cassiopeia, CD, 70 min., 2003
* Ven Dease: Fuck Your Brain, CD, 68 min., 2003
* Reiki Festival 1999: Hand in Hand, Tontechnik & Remastering, CD, 72 min., 2003
* Chinaskis Revenge: Palumbian Serenade / Laura Fantasy, DoCD, 150 min, April 2005

 

2 Kommentare

  1. Pingback: Loewenherz in der Frankfurter Neuen Presse Online « Tors Welt

  2. Dann ist „Tor Loewenherz“ also als „Frank Dörr“ geboren, alias Mr. Frisbee!!! Schöne Grüße aus dem sonnigen Saarbrücken.

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