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Eine gelebte Utopie – die hessische Jugendbildungsstätte Dietzenbach

veröffentlicht in der Kick’n’Roll Nr. 16, Mai 97

Über die hessische Jugendbildungsstätte Dietzenbach, ihre Kooperation mit der Kick, radikale Träume und deren Bedrohung

Nachträglich alles Gute

Letztes Jahr feierte sie ihr 25jähriges Bestehen, die Jugendbildungsstätte Dietzenbach. Entstanden ist sie 1971 im Kontext der damaligen Aufbruchsstimmung. Es ging und geht um die Möglichkeit, innerhalb abgesicherter Bereiche aus dem Alltag herauszutreten, sich auf neues einzulassen, seine Grenzen zu überschreiten. Und dazu braucht es nunmal einen Ort, wo man eine Weile in Ruhe arbeiten und übernachten kann, sich keinen Kopf um Küche und Haushalt zu machen braucht, wo man kompetente Teamer und gut ausgestattete Räumlichkeiten vorfindet.

Mehr als 80000 Jugendliche und junge Erwachsene sind von den vielfältigen Programmen bislang erreicht worden, viele davon als Multiplikatoren in den unterschiedlichsten Bereichen von Politik, Kultur, Pädagogik und Gesellschaft. So besitzt Dietzenbach eine Vorreiterfunktion: Hier werden Ideen und Modelle entwickelt und ausprobiert, bevor sie ihren Weg zu uns finden und helfen können, diese Gesellschaft positiv zu verändern.

Texte und Töne

Zwei Menschen kamen miteinander in Kontakt: Willy Praml, einer der hauptamtlichen Mitarbeiter in Dietzenbach, der das Fachgebiet „Theaterarbeit, kulturelle Bildung und ästhetische Erziehung“ leitet, und Seppl Niemeyer von der Kick. Sie planten gemeinsam das Projekt „Göttinnen, Nonnen und Huren“. Es ging dabei darum, Texte von Autorinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Ulrike Meinhoff und Janis Joplin klanglich umzusetzen.

Laut Seppl krankt die Musikszene unter anderem daran, daß Texten eine untergeordnete Bedeutung zugemessen wird. Vieles dreht sich um: Junge trifft Mädchen, Junge liebt Mädchen, Junge verliert Mädchen oder Junge kriegt Mädchen nicht. Wirklich relevante Aussagen – gar noch in der Muttersprache – sind selten, Wortmagie wird kaum genutzt, der Text zum bloßen Träger der Melodie degradiert.

Hier geht es nun nicht um die bloße Nutzung der Lyrik als Rocktext, wie es beispielsweise Bands beim TonTexte – TextTöne Wettbewerb des Saarländischen Rundfunks 1989 vormachten. Die methodische Herangehensweise bedeutet vielmehr, ein Gedicht auf sich wirken zu lassen und es an einem Instrument umzusetzen. Dies kann zum Beispiel zu einer Klangcollage führen.

Erfahrungen mit solchen Projekten bringen die Dietzenbacher zu Genüge mit. Texte von Arthur Rimbaud, Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine und Jim Morrison waren schon Thema. Gerade Klassiker werden heute oft als tot empfunden, doch pulste auch in ihnen früher Leben. Hinter den Worten können Empfindungen und Gedanken stehen, die auch dem heutigen Menschen nicht fremd sind.

Solcherart elektrisiert und wiederbelebt finden diese neugeschaffenen Kunstwerke ein Publikum. Bei dem Konzert im Sinkkasten am 23. März diesen Jahres kamen 300 Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Bildungsschichten zusammen; für Willy und Seppl ein Zeichen, daß diese Idee funktioniert.

Die Utopie

Um Dinge verändern und bewegen zu können, braucht es eine Vision, die Kraft gibt und die Richtung weist. Für Seppl heißt dies, daß jeder Mensch den Künstler in sich entdeckt und ihm Raum gibt; daß wir alle unsere Kreativität leben und uns gegenseitig ein Publikum sind; daß lebendige Kultur an allen öffentlichen und privaten Räumen stattfindet.

Ein Beitrag dazu liefert dieses Projekt, das Text, Theater, Musik und weitere Ausdrucksformen zusammenführt. Wo gestandene Rockmusiker entdecken, daß man auf einer Bassgitarre die blubbernden Gasblasen eines Moores spielen kann oder Kids aus sozialen Brennpunkten herausfinden, daß auch sie Kunst machen können und nicht von ihrem Discman abhängig sind.

Im Grunde gibt es nur eine Voraussetzung, an solchen Projekten mitzuarbeiten, nämlich die Bereitschaft, sich selbst zu öffnen; auf daß der Rapper vergißt, daß er ein Rapper ist, und der Unbedarfte, daß er glaubt, nichts zu können.

Die Bedrohung

Wie so viele Einrichtungen im sozialen und kulturellen Bereich wurden auch die Dietzenbacher einer Organisationsuntersuchung unterzogen. Und wie so oft, wenn betriebswirtschaftliche Maßstäbe an solche Einrichtungen angelegt werden, ziehen diese den kürzeren.

Das Ziel sollte sein, die Arbeit effektiver und effizienter zu gestalten. Doch wie sich herausstellte, ging es um Einsparungen. Und wie läßt sich am besten sparen? Na, indem sämtliche Bildungsstätten geschlossen werden. Gegen diesen schlechten Scherz der Consulting-Firma haben sich schon manche Politiker ausgesprochen, doch wird die Arbeit kräftig ausgehöhlt. Schon dieses Jahr soll bei allen drei hessischen Bildungsstätten eine Million Mark durch Reduzierung der Sach- und Personalkosten eingespart werden. Die inhaltliche Begründung dazu ist ungenügend.

Daß die Arbeit solcher Stätten nicht durch mobile Teams ersetzt werden kann und auch nicht aus der immer flacher werdenden Landschaft verschwinden darf, ist hoffentlich jedem Leser klar.

Der Kontakt

Wer von euch an dem vorgestellten Kooperationsprojekt aktiv teilnehmen mag, der kann sich an die Kick e.V. wenden. Und falls ihr gar eurer Empörung über die drohende Schließung Ausruck verleihen mögt, dann schreibt an die: Hessische Jugendbildungsstätte Dietzenbach, Offenthaler Straße 75, 63128 Dietzenbach, Fon: 06074/85390, Fax: 06074/853929

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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