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Krautrock lebt – Nova Drive und die Polytoxicomane Philharmonie in Oberursel

Nova DriveAn manchen Abenden bereut man es, zu spät zu kommen. Mir entging die thematisch passende Einstimmung mit Filmen ausgesuchter
Krautrockbands wie Can, Popol Vuh, Ash Ra Tempel oder Amon Düül. Doch empfing mich die versprochene loungige Atmosphäre mit orientalischen Düften und gemütlichen Sitzmöbeln. Und Nova Drive waren längst auf dem Weg in ferne Galaxien.

Auch wenn Sepp’l politisch korrekt darüber informiert hatte, dass „inhaltlich Körperfremde Substanzen weder nötig noch vorgesehen“ seien, war schnell klar, dass Nova Drive jedem Lysersäure-THC-Psilocybin-Anhänger einen gnadenlos guten Soundtrack für jedwede inneren Reisen liefern. Schlagzeuger Sepp´l Niemeyer legte ein solides Fundament, Hank Wagner ließ die Gitarre spacen und Vokalistin Suse Michel sorgte für die nicht immer akustisch verständliche, aber dafür um so effektvollere Reisebegleitung – zuweilen in bester, wenn auch nicht unbedingt ekstatischer Brainticket-Tradition. Leise Kritik wäre höchstens am Spiel von Bassist Siniša Vrdoljak möglich, wo manchmal das Timing unpassend schien und mich zuweilen auch der Sound nicht glücklich machte – aber okay, als Ex-Basser bin ich hier vielleicht auch überkritisch 😉 Besonders eindrucksvoll und höchst stimulierend gestaltete sich die psychedelische – vermutlich Media Player induzierte – Lightshow: Glücklicherweise war ich – mit Ausnahme des Sauergespritzten – relativ nüchtern, sonst hätte die plötzliche EInblendung des Schriftzuges „Microsoft Windows“ für einen Horror Trip sorgen können.

Politoxikomane Philharmonie
Die visuelle Untermalung setzte sich auch bei der politoxikomanen Philharmonie adäquat fort, unterstützt durch pilzig-pflanzliche Bühnendeko. Die Band soll es bereits seit den 80ern geben und besteht aus so lustigen Charakteren wie H.M. Fishli, Commander I.M. Crab, Matelot au vin, The Emir of  Quaver oder Wum. Jedenfalls fanden sich neben Schlagzeug und Bass zwei Gitarristen und eine Sängerin ein – auf Keyboards wurde vollständig verzichtet, dafür brachte ein Saxophonist zusätzliche Atmosphäre. Wirkte der Anfang noch ein wenig altbacken, zeigten die Psilharmoniker bald, dass sie nicht im WG-Landleben der 70er hängengeblieben sind: treibende Klangwelten wechselten sich ab mit vertrackten Bridges und gar moderne Brüllcore-Einflüsse waren zu entdecken – wenn auch auf Dauer der hierauf begrenzte Ausdruck des zweiten Sängers ein wenig langweilte.

Punkt Mitternacht ist üblicherweise Deadline in der Musikhalle und den abgefahrenen Politoxikomanen gelang tatsächlich eine punktgenaue Landung. Faszinierend der Schluss, als der Ausklang bereits nahe schien und die bandinterne Kommunikation zwischen Basser und Drummer dann doch noch eine letzte Klimax zum Ausbruch brachte.

Insgesamt ein Abend, der den Besuch wirklich gelohnt hat. Schade nur, dass die einstmals so lebendige Orscheler Szene nicht vertreten war – diese Bands hätten mit ihrem hochklassigen Psychedelic Rock sicherlich mehr geneigte Ohren und explodierende Synapsen verdient gehabt.

 

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Fotos dieses Abends finden sich hier.  Leider kam Nova Drive dabei zu kurz, da es bei ihrem Auftritt zu duster für die beschränkten Möglichkeiten war:

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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