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Musikimprovisation mit Suchtkranken

Der Mißbrauch von Drogen

hängt eng zusammen mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Waren früher der Genuß von Drogen und der dadurch erzeugte Rausch eingebettet in ein Ritual (wie es bei einigen Naturvölkern immer noch der Fall ist, vgl. HÖHLE/MÜLLER-EBELING/RÄTSCH/URCHS, 1986), welches den Benutzer vor sich und unerwünschten Wirkungen der Droge zu beschützen vermochte, so ist dies heute verlorengegangen. Bedeuteten Drogen früher den direkten Kontakt zu den Göttern, so wird mit ihnen heute meistens dem obersten Gott der westlichen Zivilisation gehuldigt: dem Konsum.

1964 unterschied die WHO sieben Typen von Drogen, mit jeweils unterschiedlichen pharmakodynamischen Wirkungen:

  • den Morphin-Typ
  • den Barbiturat-Alkohol-Typ
  • den Kokain-Typ
  • den Cannabis-Typ
  • den Amphetamin-Typ
  • den Khat-Typ
  • den Halluzinogen-Typ

Bei Mißbrauch können diese Stoffe zu Abhängigkeit und Gesundheitsstörungen führen, wobei diese Risiken bei Cannabis am geringsten, bei Morphinen am höchsten sind. Seit Erstellung dieser Klassifikation haben auch andere Mittel wie Schnüffelstoffe oder codeinhaltige Arzneien an Bedeutung gewonnen. Die wichtigste Folge des Mißbrauchs bei allen Drogen ist die psychische Abhängigkeit, das ‚Nicht-mehr-aufhören-können‘. Zusätzlich dazu kann – gerade bei den beiden oben erstgenannten Typen – eine physische Abhängigkeit eintreten, so daß beim Absetzen der Drogenzufuhr Entzugserscheinungen des Körpers auftreten.

Doch nicht nur diese aufgeführten Drogen können zu psychischer Abhängigkeit führen, sondern alles mögliche kann beim Menschen zur Sucht werden: Macht, Fernsehen, Videospiele, Sex, Schokolade, um nur einige wichtige zu nennen. Trotz der Vielzahl der Suchtstoffe scheinen also grundlegende Ursachen für Sucht zu existieren. „Wer suchtkrank ist, hat Sehn-sucht nach einer fundamentalen Veränderung entfremdeter Lebensverhältnisse. (…) Die Sucht ist eine Suche. Nach Leben, nach Gestaltung, nach Erfüllung, nach Gemeinschaft.“ (BERNIUS/BOLAY in KAPTEINA, 1993) Deshalb sollten Therapieprozesse nicht auf die Suchtstoffe gerichtet sein, sondern – wie bei Kapteina – auf die existentiellen Erfahrungen, auf die Konfliktsituationen, die der Flucht in die Sucht zugrunde liegen.

„Musik und die Droge

gehörten für mich einfach zusammen“, sagte eine Ex-Fixerin zu mir, ein Statement, das keineswegs überrascht. Hier liegt eine Chance, daß gerade User einen leichteren Zugang zur Arbeit mit Musik finden, aber auch die Gefahr, daß Musik wieder nur als Fluchtweg benutzt wird.

Drogenerfahrungen sind ähnlich wie „Erfahrungen, die man beim Musizieren macht, so daß die Gruppenimprovisation am Rauschbedürfnis der Klienten ansetzt. Sie gibt die Möglichkeit, den Reichtum, den der Rausch spenden kann zu erlangen, ohne daß eine Sucht der Preis ist.“ (WORTMANN, 1978, 76) So besteht die Bedeutung der Musikerfahrung in der Suchtkrankenarbeit darin, „daß sie die gesunden Bedürfnisse nach Lustgewinn, Begegnung, kritischer Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, nach Katharsis und Orientierung, die im Drogengebrauch und -mißbrauch zum Ausdruck kommen, auf eine Weise aufnimmt und befriedigt, die dem Betroffenen nicht schadet, sondern der Entfaltung seiner ganzen Persönlichkeit dienlich ist.“ (KAPTEINA, 1993, 32)

Natürlich darf in diesem sozialpädagogischen Praxisfeld die GI nicht alleine stehen, sondern gehört in einen Verbund mit anderen therapeutischen Methoden wie Gesprächs- und Gestalttherapie. Zudem ist hier das Medium Bild, vor allem die Tätigkeit des Malens, von äußerst wichtiger Bedeutung.

Das typische Klientel

besteht laut BUTZKO zumeist aus Politoxikomanen, deren Durchschnittsalter bei 21 Jahren liegt und die auf eine mehrjährige Drogenkarriere zurückblicken können. METZGER-PREGIZER schreibt dazu: „Sie haben mit Drogen versucht auszubrechen, aber auch keine Alternative zum alltäglichen Trott gefunden. Deshalb sind sie auch in die Monotonie der Droge gefallen.“ (1973, 155) Ein großes Defizit bei Abhängigen liegt nach diesem Autor im Bereich der Kommunikation, deshalb muß zur Drogentherapie „das Lernen oder Wiedererlernen von Kommunikation, zwischenmenschlicher Verständigung“ gehören (ebd., 220).

Auch BUTZKO führt die Ursachen der Drogenabhängigkeit auf gestörte Kommunikation zurück. Er verfolgt – wie auch Kapteina – das Prinzip der freien musikalischen GI, die Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit aufzubauen vermag. FROHNE/MAACK strukturieren den Gruppenprozeß durch vorgegebene Spielimpulse und -regeln sehr stark. Diese sollen Wahrnehmungsfähigkeit und Ausdrucksvermögen fördern, Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein entwickeln helfen sowie die Frustrationstoleranz erhöhen, um schließlich dem Klientel zu helfen, beziehungs- und bindungsfähig zu werden.

Auch Regelspiele

sind für BUTZKO (vorwiegend aus FRIEDEMANN, 1973) ein wichtiger Bestandteil der GI, da er glaubt, daß „Drogenabhängige ständig auf der Flucht vor der Gesellschaft und damit der ihr immanenten Regeln und Normen sind. Sie haben nicht gelernt, damit umzugehen.“ (in FINKEL, 157) So beschreibt er GI zusammenfassend als Möglichkeit, eine neue, befriedigende Form der Kommunikation zu entwickeln und neue kreative Möglichkeiten (gerade in Verbindung mit Tanz und Malerei), neue, gesunde Interaktionsformen zu lernen, mit physischen und psychischen Schmerzen und Unruhezuständen umzugehen, Frustrationen zu ertragen und Aggressionen adäquat zu verarbeiten, festzustellen, daß es Menschen mit den gleichen Problemen gibt und sie gemeinsam in den Griff zu bekommen und neue Perspektiven zu finden, also: „lernen, mit ihrem Leben fertig zu werden, ohne Drogen nehmen zu müssen.“ (in FINKEL, 156)

Auch er betont noch einmal die Wichtigkeit der Reflexion. Zwar können in der Anfangszeit einer Improvisationsgruppe die Gespräche eine Verschlechterung der – durch die Musik erzeugten – guten Stimmung bewirken (aufgrund individuell belastender Zusammenhänge zwischen MI und Sozialisation), doch bei fortschreitender Entwicklung entfällt dies, da die Abhängigen die Notwendigkeit der analysierenden Gespräche für die Selbstfindung akzeptiert und damit umzugehen gelernt haben.

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

1 Kommentar

  1. frederike klaus

    21/11/2007 @ 10:00

    drogen sind immer mehr verbreitet und es sollte etwas dagegen getan werden

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