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Musikimprovisation mit Jugendlichen

Welches Instrumentarium eingesetzt werden soll,

diese Frage ist in der musikpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen besonders von Belang, gerade in Verbindung mit den Maßstäben und der Erwartungshaltung Jugendlicher. So stehen diese – abgesehen von Percussionsinstrumenten – den in der Kinderarbeit bevorzugten Instrumenten oft mit einer ablehnenden Haltung gegenüber. Der Wille zur Abgrenzung von einer gerade erst hinter sich gebrachten menschlichen Entwicklungsphase kommt darin zum Ausdruck, daß beispielsweise Orffsches Instrumentarium als Kinderkram bezeichnet wird, eine Ablehnungshaltung, die stärker ist als der Aufforderungsimpuls der Instrumente. Dafür ist die Faszination, die von typischen Rockband-Instrumenten ausgeht, ungeheuer hoch. Dies liegt zum einen an der ständigen Präsenz jener Instrumente im jugendlichen Alltag (z.B. durch MTV), wodurch sie schon eine Art Statussymbol sind wie für frühere Generationen das Moped oder Auto, als auch an der großen Faszination, die technische Dinge – hier elektrische bzw. elektronische Instrumente – gerade auf männliche Jugendliche ausüben. Der Einsatz von E-Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug birgt also enorme Möglichkeiten hinsichtlich der Motivation zum Musikmachen ebenso wie Schwierigkeiten und Gefahren.

Heranwachsende sind die Hauptzielgruppe der Musikindustrie,

die ihnen maßgeschneiderte Idole zur Identifikation anbietet. Abgesehen von den wenigen integeren Persönlichkeiten besitzen die meisten Stars ein Image, das sich oft erheblich von der Realität unterscheidet, dazu ein möglichst perfektes Äußeres ebenso wie eine mit hohem technischen Aufwand produzierte Musik.

Jugendliche probieren sich gerne in diesen vorgelebten Rollen, was sich dann oft auf das Posieren beschränkt, vor allem mit umhängender Gitarre, die das Statussymbol unter den Rockinstrumenten darstellt. Doch wenn der Jugendliche in die Saiten greift, kommt aus dem Verstärker nicht der passende Soundtrack, sondern etwas anderes – etwas, was den Unterschied zwischen Traum und Realität schmerzhaft deutlich werden läßt. Was in Video-Clips ganz locker wirkt, nämlich das Bedienen eines Instrumentes, stellt sich nun als arbeitsintensives Unterfangen dar. Jugendliche im sozialpädagogischen Praxisfeld suchen meist schnelle Erfolgserlebnisse und verfügen über eine geringe Frustrationstoleranz. So wird denn nach erfahrener Unfähigkeit schnell das Instrument gewechselt, die Erfahrung wiederholt sich, und in vielen Fällen wird dann das aktive Musikmachen ganz unterlassen und lieber wieder eine bequeme Konsumentenhaltung eingenommen.

Während das Rockmobil Hessen

auf bei den Jugendlichen beliebte Songs zurückgreift, die diesen die rasch benötigten Erfolgserlebnisse bieten, aber im Extremfall dazu führen können, daß bei Konzerten von JUZ-Bands alle die gleichen Songs im Programm haben (vor allem ‚Stand By Me‘), habe ich mich in der Praxis mit einem improvisationsorientierten Konzept versucht. Gute Erfahrungen habe ich hier zum einen mit einer aus männlichen Jugendlichen bestehenden Band des Jugendclubs Lohwald gemacht, denen durch Rockmobil Workshops, den engagierten Sozialarbeiter Michael Koch und mich ein gewisses Maß an technischen Fähigkeiten beigebracht worden war. Folglich wurden hauptsächlich Improvisationen in Musikidiomen durchgeführt, die diese Jugendlichen ansprach: Blues, Roch’n’Roll, Soul, Funk und insbesondere Rap und Cross-Over. Freie Improvisationen mit Rockband-Instrumentarium ohne größere spieltechnische Anleitung führte ich mit Imigrantinnen aus Osteuropa, deren Alter zwischen 10 und 13 Jahren lag, in einem Jugendhaus in Heddernheim (Frankfurt) durch. Hier entstanden schöne MIs, die – durch das für Jugendhäuser niedrige Alter der Teilnehmerinnen – die Möglichkeit des Einsatzes von GI mit Rockband-Instrumentarium bei älteren Kindern interessant und machbar erscheinen läßt. Die GI bietet die Möglichkeit, das eigene Musizieren von dem der Vorbilder aufgrund der Andersartigkeit zu trennen und gleichzeitig deren Perfektion hinterfragend zu durchschauen.

Problematisch kann beim angesprochenen Instrumentarium

die Lautstärke werden; zum einen wegen der kommunikationsstörenden, zum anderen aufgrund der gesundheitsschädigenden Wirkung von lauter Musik. Ich versuchte dies zu lösen, indem ich in dieser Hinsicht eine bestimmende Rolle ausübte und als einziger den Zugriff zum Lautstärkeregler des Mischpultes hatte. Hier gilt auch die Devise: kein Instrument darf lauter sein als das einzige akustische Rockband-Instrument, das Schlagzeug, welches trotz seines geringen Statuswertes (vergleiche die Position des Drummers in der Rockmusik), am heißesten umkämpft war. Dies ist ein Indikator für den Reiz, den Rhythmusinstrumente auf Jugendliche ausüben. KAPTEINA hat dies mit dem beliebtesten Ort in einem Jugendhaus verbunden, indem er in der Disco Percussionsinstrumente ausgelegt hat, so daß die Besucher zur laufenden Musik improvisieren konnten (in FINKEL, 1979, 123ff). Gerade ausländische Jugendliche, die einen hohen Prozentsatz der Besucher von städtischen Jugendhäusern bilden, finden einen schnellen Zugang zu Percussionsinstrumenten. In diesem Zusammenhang ist zu vermerken, daß Musik als nonverbales Kommunikationsmittel gerade in der Arbeit mit ausländischen Jugendlichen, die die Landessprache kaum oder gar nicht beherrschen, viele Perspektiven eröffnet.

Auffallend ist die große Überwindung, die es gerade Jugendliche kostet, ihre Stimme zu gebrauchen. Die beste Zugangsmöglichkeit ist hier die Verwendung des Rap oder dessen Urform, sprich: mit der menschlichen Stimme werden Klänge erzeugt, die zu erfundenen oder existierenden Worten werden können, und dies mit bzw. zu einem improvisierten Rhythmus.

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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