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Neues von Dag – bAss-Paper

Plötzlich steht er erhobenen Armes vor mit und bedroht mich mit einer Rolle Klopapier. Ich weiß nicht, ob er hinter seinem Rücken noch eine zweite verbirgt. Also beschließe ich freundlich zu sein – fürs erste zumindest.
„Hallo Dag.“
„Mein Künstlername lautet Mr. Frisbee!“, verbessert er mich. Ganz wie es seine Art ist, legt er sofort los: „Hier siehst Du eine Rolle herkömmliches Toilettenpapier, zweilagig und aus Recyclingpapier. Ganz nett, okay, aber übt es auch Dich eine besondere Anziehungskraft aus, auf Dich als Bassist?“
„Kommt darauf an, wofür man es benutzt“, entgegne ich und träume davon, meinen ganz persönlichen Auerswald Bass von Jerry zu bekommen, eingewickelt in Hakle feucht, und ihn dann Lage um Lage auszupacken. Na gut, vielleicht ist der Gedanke doch etwas zu vulgär.
„Okay, als Bassist törnt’s mich nicht.“
Dag grinst: „Dann hab ich was für Dich als Bassist, kursivgedruckt, versteht sich.“
Mit diesen Worten holt er seinen anderen Arm hinter dem Rücken hervor und präsentiert mir noch ein paar Rollen: „Hier das spezielle Toilettenpapier für Bassisten. Für Arme auch als längstes Taschentuch der Welt zu verwenden. Zugegeben, die Idee ist nicht ganz neu, aber ansprechend. Motiv 1: ein Kontrabaß für unser Katzenfreunde mit Rückenproblemen.“ Strahlend hebt er es hoch und wirft es über die Schulter.
„Motiv 2: ein Bass made in Taiwan, die Standardausführung. Als drittes Motiv ein Steinberger für Headless-Hasser.“ Plopp. Plopp. Zwei weitere Rollen rollen über den Boden. Dag zeigt sein strahlendstes Lächeln und zwei weitere Rollen. „Und hier der Clou: das ganz besondere bAss-Paper, in Luxusausführung mit braunem WC-Gig-Bag, wahlweise mit Warwick oder Esh-Bass für die Fans der jeweils anderen Partei,  oder beide Versionen zum Sonderpreis für Gegner dieses Streitgesprächs.“
Dag strahlt, lächelt, labert weiter, aber ich bekomme nichts mehr mit. Denn ich überlege mir, ob ich dies alles aufschreiben kann. Gut, die Dokumentation jenes Streites nimmt gerade viel Raum in „the Bass“ ein. Aber Dags Plan grenzt schon an Satire und Kunden darf man nicht verärgern. Weit komme ich nicht mit diesen Überlegungen.
Plötzlich greift mich jemand am Arm und zieht mich Richtung Bühne. Dieser jemand hat Muskeln wie Arnold, den braunen Gurt im Karate und ist leider auch mein Drummer. „Hey Mann, wie lange sollen wir Dich denn noch suchen? Wir sind dran. Immer muß man auf den Bassmann warten.“
Ich habe keine Zeit mehr für Einwände. Während ich weitergeschleift werde, fällt mir ein, daß Dag während meiner Denkpause irgendetwas von einer Verkaufsstrategie erzählte hat und einer besonderen Verwendungsmöglichkeit, die die bAss-Papers erst so richtig zum Renner machen würde – auch außerhalb der Szene. Ich drehe und wende mich, aber Dag ist schon in der Menge verschwunden, und Drummers Griff zieht mich unwiderstehlich weiter. Doch natürlich versteht es Dag, sich noch einmal nachdrücklich in Erinnerung zu bringen.
Denn als ich irgendwann im geilsten Groove im Publikum nach Dag spähe, kollidiert mein Blick mit den grünen Augen eines rothaarigen Geschöpfes. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, und mein Daumen zu spät ein. Im nächsten Moment habe ich eine Rolle Klopapier am Kopf.
Aber ich werde es nie benutzen.
Das Motiv ist nämlich ein Auerswald.

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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