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Neues von Dag – Der Tragödie zweiter Teil

Ehrlich Leute, ich hab an nichts böses gedacht. Überhaupt, die Story vom letzten Mal hatte ich schon völlig verdrängt.
Doch dann liege ich eines Abends mit der Fräck im Bett (nein, keine Sängerin, sondern saarländisch für einen grippalen Infekt) und ziehe mir unter anderem ein warmes Bier rein. Da steht er plötzlich in der Tür. Ich werde starr vor Schreck.
„Dag!“
Er strahlt: „Schön, daß Du meinen Namen behalten hast.“
„Dag!!“
„Okay, ich weiß selbst, wie ich heiße. Mittlerweile habe ich übrigens auch einen Künstlernamen.“
Ich will ihm und euch das „Dag“ mit den drei Ausrufezeichen ersparen. Also schlucke ich erstmal. Doch dann gebe ich’s ihm: wie er mir damals mein Interview versaut hat und dadurch meinen Bestseller „Ohne Geld zum Bass von Welt“ und dessen Fortsetzung „In 30 Tagen zum Großbassbesitzer“ verhindert hat. Und wie er dadurch den G&F-Verlag um sein meistverkauftestes Buch, die Musikbranche um den größten Umsatz aller Zeiten und viele notleidende Bassisten um ihr Glück gebracht hat.
Dann halte ich inne, da er bei meinem dritten Wort begonnen hat, in meinem Zimmer herumzuschnüffeln, meinen neuen, schwer ersparten No Sweat Fretless erspäht, innerhalb von Sekundenbruchteilen mit geifernder Zunge darüberhängt und ihn mit großen Schweißpfoten abtatscht. Er widert mich an.
„Dag, Du widerst mich an“, sage ich und irgendwie kommt es mir bekannt vor.
Er schafft sich wortlos immer mehr rein. Ich kann es nicht mehr mitansehen und nach kurzem, aber heftigem Kampf entreiße ich ihm im letzten Moment das Gerät. Vor meinem geistigen Auge sehe ich dabei jene alte Tatortszene vor meinem inneren Auge, in der Tanner Schimanski mit dem Begriff „Interruptus“ konfrontiert. Zum Glück ist Dag zu abgehoben, um mir diese Aktion wirklich übelzunehmen.
„Mann, genau den brauch ich noch“, legt er los. „Warte mal, wie finanziere ich das, also als erstes…“
Ich weiß nicht, es ist einfach grauenhaft. Er zieht aus dem Stegreif den alsolut geilen Vortrag ab. Wie er sich ohne Startkapital zehn dieser Geräte leisten könnte, der absolute Hammer, eine geniale Idee wie sie nur von Dag kommen kann, ersonnen von seinem hyperintelligenten und vollkommen amoralischen Gehirn. Und was mache ich alter Versager?
Mit meinem von der Fräck, dem warmen Bier & anderen feinen Sachen benebelten Gehirn konjugiere ich interrumpere durch alle Zeiten, jage es durch alle Formen, fege von Aktiv zu Passiv und wieder zurück. Ich sitze da mit stierem Blick, sehe vor mir meinen alten Lateinlehrer mit Tanner-Bart und einer 45er Magnum und weiß: ein Fehler und ich werde gezwungen, von vier Saiten auf mindestens zwanzig umzusteigen.
Es ist zu viel für mich, es gibt nur noch den alten Schröder Roadshow-Tip, und ich schreie. Plötzlich schütteln Hände an meinen Schultern, ich öffne die Augen und der Morgen knallt in meine Pupillen.
Meine Mutter läßt mich los und zeigt auf die dampfende Tasse Tee auf meinem Schreibtisch. Ich schaue mich um: kein Dag, keine Notizen, keine Erinnerungen, wieder ein Fehlschlag.
Doch ich werde mich wieder an diesen genialen Plan erinnern, und wenn ich noch tausendmal mit nassem Kopf durch kalte Winternächte rennen und hinterher meine Rübe mit Bölkstoff zuknallen muß. Ich werde es schaffen, und dann gnade Gott meinem Musikalienhändler.

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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