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Ein psychedelischer Abend mit Member im Salon Da Franco

memberMember gab sich die Ehre: Stories und Texte aus der bizarren Welt eines verkommenen Egomanen in Frankfurt wollte er gestern im Salon Da Franco, mitten in Bornheim präsentieren. Musikalisch begleitet von einer auserlesenen Schar langjähriger Begleiter aus verschiedenen Projekten: der empty blaukraut all star band.

Eine Lesung – ein Konzert – eine Reise in eine andere Welt. Das war das Versprechen.
Die Realität sieht in echt zuweilen etwas anders aus. Vor allem dann, wenn der Rezensent sich möglicherweise unpassend auf den Abend einstimmt, das falsche Ticket löst und den Produkten des Weinkellers anstelle rauch- oder essbarer Neurotransmitter zuspricht. Dann kann es zuweilen schwierig werden, auf den Zug aufzuspringen – I HEAR THE TRAIN COMING – und den Musikern auf ihrer Reise in jene andere Welt zu folgen.

Allerdings waren auch nur wenige bereit für diese Reise: etwa zehn Subjekte hatten sich im Salon Da Franco eingefunden. Und sie mussten sich in Geduld üben, bis die vier Musiker ihr Päckchen für die Reise geschnürt hatten. Mit circa. einstündiger Verspätung – also ganz in der Tradition der Deutschen Bahn – wurde die Lok geentert: Markus von Members Projekt MIRG  – und 2005 in Offenbach auch Special Guest beim Gig von The Whole mit Damo Suzuki – war aus Regensburg angereist und mit Stolle aus Karlsruhe und Christian aus Offenbach hatte Member im Grunde The Whole komplett dabei. Eine eingespielte Crew also, die in der Lage sein sollte, richtig Feuer unterm Kessel zu machen.

band
Mit viel Echo und schizoidem Flair versprach mein Lieblingsegomane denn auch gleich im erste Stück in die Tiefe zu gehen. Die Aussicht aus dem Salonwagen war vielversprechend und der Merlon mundete besser als das, was die Mitropa früher im Bordbistro zu bieten hatte. Erste Zuckungen unter den Passagieren deuteten an, dass manch einer gern selbst den Führerstand erklommen hätte. Doch der Respekt vor dem Zugbegleiter war stärker und die geballte kreative Energie wurde teilweise durch die sofortige schriftliche Absonderung literarischer Reflexionen kompensiert – oder eben durch ein weiteres Glas Merlot.

Groß war meine Überraschung, als Member mit „Gibt es Subjekte?“ und „Wahrnehmung verpasst bekommen“ zwei ältere Texte brachte, die wir bereits 1997 beim ersten Gig unseres Valis-Projektes performt hatten. Die musikalische Begleitung hatte sich zumindest beim zweiten Stück gegenüber der damaligen, recht spartanischen erweitert, dafür schien die sprachliche Präsentation weniger ausdrucksstark. Auch das Konzept war anders: war früher die Musik stärker mit dem Text verwoben und erhielt nur dann ihren alleinigen Raum, wenn sie sich aus sich heraus dahin entwickelt hatte, so gab es nun scheinbar klar abgegrenzte rein instrumentale Parts, in denen ich sprachliche Einwürfe schmerzlich vermisste.

stolle
Der zweite, kürzere Set bot noch weniger Literatur und mehr freie Improvisation. Zuweilen erreichten die Musiker dabei jenes Niveau, dem für nichtbeteiligte Gäste recht angenehm zu lauschen ist. Aber oft hatte ich das Gefühl, nicht einem öffentlichen Auftritt, sondern einer privaten Probe beizuwohnen. Da sich die Mitreisenden ebenfalls oft in Gespräche oder anderweitige Aktivitäten vertieften, dürfte es wohl nicht nur mir so gegangen sein. Es gelang den vier Musikern leider kaum, jene bei öffentlichen Improvisationen unabdingbare Meta-Ebene zu erreichen, in denen sie nicht nur ihr eigenes Tun, sondern auch den gesamten Raum samt Zuhörern und der innewohnenden Energie zu etwas Größerem verschmelzen konnten. Die Magie der Musik, die The Whole beim Gig mit Damo Suzuki in einigen großartigen Passagen erreicht hatte, war diesmal nicht zu spüren.

Erschwerend kam vor allem auch die unausgewogene Lautstärke hinzu – möglicherweise stellte sich der Sound direkt bei den Musikern anders dar, als wenige Meter weiter: Während Member durchaus ein wenig lauter hätte sein dürfen, zertrümmerten Christians synthetische Beats als auch sein manuelles, auf die nötigste Basis reduziertes perkussives Drumset auf zwei weite Streckenabschnitte hin die gesamte Aussicht. So hatte ich nichts dagegen, als der Zug bereits vor Mitternacht wieder in den Bahnhof einlief und musste erst einmal mit meiner eigenen Enttäuschung fertig werden – denn ich weiss, welches Potential in den Vieren vorhanden ist. Vielleicht hätte auch öfter jene Brücke zum Publikum geschlagen werden müssen, die beispielsweise bei Valis-Gigs jedes Mal zum Höhepunkt der Reise geführt hatte – Integration statt autistisch-egomanischer Tendenzen.

 

> Fotos zu diesem Gig in der Galerie:

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

1 Kommentar

  1. E i n e i n t e r g a l a k t i s c h e I n t e r p r e t a t i o n
    (Erfahrungsbericht von Andi Seip zum 2.9.06)
    Wieder einmal befand ich mich in einer Zeit- und Raumschleife und die Informationen waren vage, den Ort des Geschehens zu finden.
    Mehrere Versuche scheiterten, doch die Telekommunikation funktionierte dann doch und plötzlich war alles ganz leicht.
    Ich kam in ein barockes Etablissement am Ende des Bornheimer Nachtuniverums und traf Sie… Member und die Emptyblaukraut All-Star Band.
    Als erstes galt es anzukommen und das geht am besten mit Bedürfnisbefriedigung, sprich ESSEN & TRINKEN. Ich aß ein leckeres tellerförmig dampfendes Etwas und trank urinfarbenes, köstlich Erfrischendes. Dann gesellten sie sich zu mir und es wurde gescherzt und geschmatzt. Inzwischen kamen einige Weltenwanderer daher und inspizierten das tieferliegende Geschoss, indem Alles sich offenbaren sollte. Hier auf Terra-X, nennt man dies Keller oder heute Salon. Als wir satt und zufrieden waren, gingen wir in die Tiefen unserer Vorstellungskraft und das Medium ist oder war immer schon die Musik.
    Töne, Schwingungen, Sprache, Melodien verschmelzen zu einem Raum.
    Fern, Ferner, schwillt an, ebbt ab und gibt weitere Räume frei, Ich schließe die Augen und laß mich forttragen…
    Als ich sie wieder öffne, steht plötzlich der Kellner vor mir – Er stellt ein Glas ab und die Kerze spiegelt sich und ich zerfließe darin.
    Dann – plötzliches Händeaufeinanderschlagen läßt mich aufschrecken.
    Ich sehe Tauben und Schwälbchen umflattern die Kerze wie Motten das Licht. Träume ich gerade oder ist das ein Traum aus einem Parallelluniversum, wer oder wo bin ich. Ich darf keinen Fehler mehr machen, doch der Rhythmus trägt mich wieder davon, doch nicht vorwärts, nein rückwärts… Ich kann rückwärts fliegen – in vergangene Räume und Treppenhäuser, Stockwerke rauf und runter, miteinander verbunden und verwoben im Klang. Ich zweifle an mir, stimmt meine Wahrnehmung noch, höre ich richtig, Töne so still, sehe ich richtig, Farbtöne so zart. Eine fette, eklige Spinne rast auf mich zu. Ich hab Angst und Ekel, obwohl alles so zart und still ist. Die Spinne verzieht sich in ihr Netz in die Ecke. Spinnen machen keine Geräusche und ich schreie stumm.
    Ahouuuuuuuuuuuuuuuu…..
    Ich höre mein Echo aus den Tiefen des Alls wiederhallen hallen hallen hallen hallen hallen hallen… Bin ich ich oder ein Agent des Alls in geheimer Mission. Ich spüre wie mein Kopf sich von mir löst. Er fliegt, steigt auf, höher… Sterne, Mond, Galaxien – erblicken mich, oder ich sie… Ich weiß es nicht mehr. Ich spüre deutlich, wie mein Fuß auf der Erde wippt im Takt – tum taketum taketum taketumtum tum taketum taketum taketumtum…
    Ich fühl mich verbunden mit Kabeln, bin ich eine Mensch-Maschine oder gar ein Maschinenmensch, die programmiert ist, sich für einen Menschen zu halten. Mein Körper löst sich auf im Klang, alle Gliedmaßen schweben im All, in verschiedene Richtungen, nur der Rumpf scheint festgeschraubt auf dem Stuhl im Salon zu sitzen. Es kommt mir vor, als wären alle Gliedmaßen mit Kabeln verbunden und sie können nicht weg. Ich bin ein flirrendes, verkabeltes Mosaik, aus Klängen, Tönen und Resonanzen, die bei jeder Dissonanz zusammenschnellen wie eine Sprungfeder. Diese zusammengehalten durch einen ungeheuren Druck, darauf wartet wieder losschnellen zu können. Ankunft und Abschied liegen genauso nahe beieinander, wie Resonanz und Disonanz. Obertöne vibrieren unter meiner Schädeldecke, breiten sich aus im Raum, dehnen sich aus in unendliche Weiten, in die dunkelsten Keller und Winkel, die höchsten Höhlen, prallen zurück und sammeln sich wieder in einer Musik und bringen Licht in Form von Klang.

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