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Rezensionen – Altlast oder Literatur?

Rezension
Gestern, spät am Abend. Mein Communicator reisst mich aus einem Universum jenseits von Raum und Zeit: Sepp'l Niemeyer ist dran. Kurz vorher hat ihn ein Künstler angerufen, der – angesichts seiner neusten CD – nach seinem Namen gegoogelt hatte. Das erschreckende Ergebnis: auf Platz 2 der TopTen mein "Verriss" seiner ersten CD. 

Warum sei so etwas nach neun Jahren noch online bei Muzik23? Können sich Musiker nicht verändert haben in all den Jahren? Wie wirkt das auf jemanden, der sich über einen Musiker informieren will und dann ein uraltes, eher negatives Feedback findet? Müssen einem die Jugendsünden denn im Web ewig um die Ohren geschlagen werden, nur weil Google eine hohe Meinung von Muzik23.de hat und ich nicht nur Publizist bin, sondern meinen Job als Webentwickler auch dummerweise gut verstehe?

Berechtigte Fragen, lieber Sepp'l.

Doch gibt es auch die andere Seite. Bands, die mich kontaktieren und vor Freude ausser sich sind, dass sie auf Muzik23 – und nur dort – digitale Spuren hinterlassen haben, weil es zu der Zeit ihres Bestehens keine Website in Rhein-Main gab, die etwas über sie veröffentlicht hat. Musiker, die beim Googeln einen alten Bericht finden und mich spontan zu einem Konzert ihres neuen Projektes einladen. Kollegen aus der journalistischen Zunft oder Studenten, die an einer Diplomarbeit sitzen und genau hier Material finden, das eine spezielle Epoche regionaler Musikgeschichte dokumentiert, die es sonstwo im Netz nicht gibt.

Ich schaute mir einige meiner fast zehn Jahre alten Rezensionen wieder an und stieß auf ein weiteres, sehr persönliches Phänomen: den Spiegel meiner eigenen stilistischen Entwicklung und vor allem wilder Experimente. Denn das ist etwas, was ich meinem damaligen Chefredakteur mit den unaussprechlichen Namen hoch anrechne: ich hatte die Freiheit, gerade die Rezensionen auf literarisch-kreative Art anzugehen.

Wer will schon Rezensionen lesen, die nach immer gleicher Struktur: "Stileinschätzung > LineUp > positive/negative Aspekte der Produktion" geschrieben sind – auch wenn die Reihenfolge zuweilen wechselt. Auch für mich als Rezensent wäre es irgendwann gähnend langweilig geworden. Also begann ich – je nach Ausgabe variierend – meine Rezensionen immer mal in einem bestimmten Stil zu schreiben. 

Im März 1997 waren beispielsweise die "Briefe an unsere Leser" aus der Titanic eine Inspirationsquelle. Nicht dass ich mich mit den Perlen jenes Kultmagazins messen möchte, das wie auch die Kick'n'Roll aus der Äppler-Hauptstadt kam und immer noch kommt. Die Rezensionen von J.O.Simon und Dead Adair waren nur halbherziger Kompromiss und vorsichtige Verneigung vor den wirklichen Profis.

Oder nehmen wir die Besprechungen von Lapizlazuli und  LSB. Es war schlichtweg Musik, mit der ich nichts anfangen konnte. Sollte ich deswegen einen Verriss schreiben? Ich nahm es als Herausforderung und fragte mich: was könnte es für ein Mensch sein, dem diese Musik gefällt? Und dann ließ ich diesen Menschen direkt zu Wort kommen, den Metzgerlehrling oder die langjährige Erzieherin.

Anderes war einfach eine krude Mischung aus Gonzo-Journalismus und visuellen Assoziationen wie die Rezis zu Noiseembryo, Elektropudel oder Juli Kapelle. Immerhin gelang es mir so, aus jeder Rezension etwas herauszuholen, was mich in der Redaktion zum Rezensenten für knifflige Fälle beförderte.

Und ich beeumel mich heute noch über manche Zeilen wie aus der Rezension der Stovepipe Wells: >>„Vorsicht“, warnte mich der Oberroller WoS, als
er mir das Tape rüberschob, in einer Hand seine Havanna Extra Strong,
in der anderen den Hörer, aus dem Rod Steward quatschte, und Madonna
auf seinen Knien, „könnte gefährlicher Stoff sein.“<<

Das alles löschen, weil sich jemand mal der öffentlichen Kritik stellen wollte und die Kick'n'Roll mit seiner CD bemusterte? Und dann an den hochgestochenen Werbebotschaften des Waschzettels – neudeutsch "Press Sheet" – gemessen wurde?  Nein. Zumal Muzik23 seit dem Relaunch die wunderbare Möglichkeit bietet, die Artikel hier zu kommentieren. So kann jeder Musiker die Rezension seiner Produktion informativ ergänzen: "Hey, ich hab mich weiter entwickelt, ausserdem hat FraDo meine Message einfach nicht verstanden. Zieht euch mal meine neuste CD rein, Hörbeispiele gibts unter www.ich-bin-der-geilste.de".

Ja, werter Mukker, Web 2.0 wohnt gleich um die Ecke deines gewohnten Klickverhaltens. Du musst es nur nutzen!

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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