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When the summers gone – Open Air Nachlese 1999

Meine persönliche Open Air Saison begann am 18. Juni mit dem Schafswiesen Open Air in Frankfurt-Heddernheim. Hatte ich dieses Event lange Jahre vergeblich gesucht, wurde es dieses Mal sogar von der Kick’n’Roll präsentiert. Unter einfachen Verhältnissen (große abgemähte Wiese, ein Toilettenwagen, Junkfood und wenig Eintritt) versammelten sich vor allem frischgebackene Abiturienten und Schüler in großer Zahl. Die Bands liefen erst einmal nebenher, was auch an dem anfangs vorherrschenden grauenhaften Frankfurter Brüll-Core gelegen haben mag. Erst mit den Auftritten von Klischee wie Sau und Just like Samira kam wirklich Stimmung auf.

Dieselben Headliner – verstärkt durch eine Rockabilly-Band und die Frauenformation Puppenklinik – gab’s am nächsten Tag beim Undercover Open Air in Frankfurt-Fechenheim. Lag’s an der Wiederholung dieser Konstellation in Verbindung mit höherem Eintritt und dem wenig anziehenden Hinterhof-Charme des Undercover, daß sich so wenig Zuhörer verirrten? Die Stimmung war jedenfalls gut und der Sound erheblich besser als am Vortag.
Über zuwenig Zuschauer konnte man sich bei den verschiedenen Freiluft-Veranstaltungen des Orscheler Sommers sicher nicht beklagen. Und mit Bands wie der äußerst sympathischen russischen Ska-Formation Moskowskaya oder Wild Silk kam auch die Qualität nicht zu kurz. Dafür war’s wieder ein Lehrstück dafür, wie wichtig der Mann hinter den Reglern ist: Beim Gig von Wild Silk wurde die Vorgruppe Achim & Lena in Grund und Boden gemischt, während die Hauptband zwar einen tollen Sound hatte, aber mit einer Lautstärke, die sich förmlich in die Gehörgänge prügelte – heavy Folk!

Zum Abschluß der Open Air Saison zog es mich mal wieder zur Folklore im Garten nach Wiesbaden, dem größten grünen Freiluft-Ereignis der Region. Dieses Jahr wollte ich mir schwerpunktmäßig mal das Frauenzelt geben und wurde bitter enttäuscht. Die einzig wirklich gute Band – Lily of the Valley vom Rand des Kick-Einzugsgebietes– wurde als Opener verheizt, während der Ersatz für die ausgefallenen Britta aus Berlin mit abgrundtiefem Dilettantismus glänzte. Den abschließenden Calamities aus Köln kann man als Frauen-Ska-Band zwar einen doppelten Bonus in Sachen Rarität verpassen, doch eine Begründung, warum diese Anfängercombo als Headliner spielte, wollte mir nicht einfallen. Da auch die Comedy-Truppe Chapertons durch zweimaligen Auftritt nicht besser wurde und der König als Conférencier weiterhin anstrengend bleibt, war zumindest der diesjährige Samstag ein persönlicher Reinfall. Aber nach manchem fetten Jahr sollte mal ein mageres zu verkraften sein und vielleicht müssen auch die Wiesbadener unter arg gekürztem Budget arbeiten. Geblieben ist jedenfalls das phantastische Ambiente des Schloßparks mit vielen tollen Ständen und reichhaltiger Essensauswahl. Auf ein neues denn im Jahr 2000!

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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