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Improvisation aus pädagogischer Sicht

Zwischen der Sicht der Musiker

und der der Pädagogen gibt es einige Gemeinsamkeiten wie auch gravierende Unterschiede.
MI in der sozialpädagogischen Praxis erfolgt meist mit musikalischen Laien und wenn – wie zum Beispiel an FH-Seminaren – auch Musiker beteiligt sind, so spielen diese doch überwiegend auf Instrumenten, in deren Handhabung sie keine oder nur wenig Ausbildung genossen haben. Aus der vorangegangenen Schilderung der Sicht vieler Musiker wäre es gar nicht möglich, das Tun dieser Menschen Improvisation zu nennen. Doch die sozialpädagogische Realität kann anders aussehen, denn „freie Improvisation macht auf radikalste Weise ernst mit der Absicht, daß die Fähigkeit, Klanggebilde herzustellen, in denen subjektives Erleben zum Ausdruck kommen und mitteilbar werden kann, jedem Menschen spontan zu eigen ist und sich entfalten kann, ohne an eine vorangegangene Aneignung bestimmter Kulturtechniken wie Notenlesen, instrumental-technische Instrumentbeherrschung etc. gebunden zu sein.“ (KAPTEINA, 1993, 42)

Unter Pädagogen gibt es natürlich verschiedene Ansichten

über die GI. Wie weiter oben dargelegt, kann die GI dazu dienen, Musiktheorie praktisch zu erleben, ebenso wie der Spieler sich durch sie selbst erfahren kann. Sie kann auch in erster Linie dabei helfen, den Ausführenden Lust und Freude am musikalischen Agieren zu verschaffen. Ihre Anwendungsbereiche liegen also klar in Animation, Pädagogik und Selbsterfahrung. Der Bereich Therapie gehört an sich nicht zur Sozialpädagogik, doch ist die Abgrenzung hierbei oft schwierig (vgl. hierzu SEIDEL in DECKER-VOIGT, 1983, 171ff), und wie die Studiengänge ‚Sozialpädagogische Musiktherapie‘ an den Fachhochschulen Siegen und Frankfurt zeigen, ist die Verbindung beider Felder möglich. Thomas ESCHEN meint hierzu: „Eine stichhaltige wissenschaftliche Abgrenzung von therapeutisch orientierter Arbeit mit Musik in der Sozialpädagogik zur Musiktherapie scheint mir mindestens zur Zeit noch nicht möglich, weder in Bezug auf Zielgruppen noch in Bezug auf Methoden.“ (in FINKEL, 514) So hält er im Interesse der anvertrauten Patienten eher Vorsicht als kühnes Experiment angebracht: Es sollen nur diejenigen musiktherapeutischen Arbeitstechniken in das eigene Feld der Sozialpädagogik übernommen werden, die relativ sicher gemeistert werden können. Allerdings gibt es auch unterschiedliche Sichtweisen darüber, was überhaupt unter Therapie verstanden wird. Wolfgang BREUER versteht sie nicht im engeren Sinne, sondern in einem weiteren Bedeutungsrahmen, der auch die Deckung oder Aufarbeitung emotional-affektiver Defizite und die Entfaltung kommunikativer Kompetenz umschließt (in FINKEL, 518).

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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