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Improvisation in der Musikpädagogik – Geschichtlicher Exkurs

Verständlicherweise liegen die Ursprünge

der MI im Dunkeln, doch es „ist sicher, daß die Gruppenimprovisation seit Menschengedenken eine zentrale musikalische Ausdrucksform war, daß sie in Natur- wie Kulturvölkern gleichermaßen dem Ausleben des Spieltriebes, der Entladung von Spannungen, künstlerischen und kultischen Zwecken diente.“ (HOPF/HEISE/HELMS, 103)
Als Ursprung der Idee, die MI pädagogisch zu nutzen, gilt J.J. ROUSSEAUs (1712-1778) Werk Emile, in dem es heißt, daß es nicht genüge, Musik wiederzugeben, um sie zu verstehen, sondern man müsse sie selbst erfinden. Zur Entfaltung der schöpferischen Kräfte des heranwachsenden Menschen ist die GI ein Teil der Instrumentalausbildung bei den Philanthropen des 19. Jahrhunderts. Friedrich FRÖBEL (1782-1852), der Schöpfer der Kindergartenbewegung, versucht z.B. den Lernstoff der Vorschule über das Mittel der Improvisation zu vermitteln, während G.J. DALCROZE (1865-1950) ein System rhythmischer Gymnastik auf der Basis gestisch-tänzerischer Improvisation entwickelt. Wesentliche Impulse für die Vokalimprovisation im Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen kommen 1928 von Fr. JÖDE (1887-1970). Die bekanntesten Förderer elementarer Musik- und Bewegungserziehung sind Carl (Musik für Kinder, 1950) und Gertrud Orff, die „die Aktivierung des jungen Menschen zum Selbstmusizieren, Improvisieren und Entwerfen eigener Musik“ (HAMEL, 27) anstreben.

Neue Anregungen erhält die Musikpädagogik

durch die musikalische Avantgarde der Nachkriegszeit (vgl. HOERBURGER,  61) und die politischen Entwicklungen nach 1960. Lilli FRIEDEMANN und Gertrud MEYER-DENKMANN greifen dies als erste auf, fördern ästhetische Phänomene und Klangerfahrungen in der GI, auch oder gerade als Methode der Hinführung und Auseinandersetzung mit Neuer Musik. ROSCHER sieht GI als Aspekt einer polyästhetischen Erziehung und trachtet danach, „durch sein Modell ästhetischer Erziehung den Ausdruckswillen der Schüler freizusetzen und gleichzeitig expressive Kommunikationsprozesse mit der Gesellschaft zu ermöglichen.“ (HOPF/HEISE/HELMS, 104) Als Teil des Musikunterrichts verstehen Autoren wie N. HANSEN (1975) oder E. STIEFEL (1976) GI als Methode zur Entfaltung von Kreativität, während SCHAARSCHMIDT (1980) sie als handlungsorientierte Unterrichtsmethode zur praktischen Vertiefung der Musiktheorie sieht. In diesen Zusammenhang paßt die Ansicht VOGELSÄNGERS, für den sozialpädagogische Arbeit mit Musik eine Alternative zur Schule dartellt, „nicht nur zu dem dort praktizierten Musikunterricht, sondern zu deren Zielen, Inhalten und Verfahrensweisen überhaupt.“ (in FINKEL, 548)

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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