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Lust am Singen

Erschienen in der Kick’n’Roll Nr. 24 vom Juni 99

Ein Interview mit Lil von Essen über Gesangsunterricht und funktionale Stimmbildung von Frank Doerr

Welche Ausbildung hast Du genossen?

Ich war in Bochum auf der Schauspielschule, habe im Zuge dieser Ausbildung und danach bei privaten Lehrern über zehn Jahre klassischen und Jazzgesangsunterricht genossen und dann am Lichtenberger Institut für Gesang und Instrumentalspiel bei Darmstadt eine pädagogische und künstlerische Fortbildung in funktionaler Stimmbildung gemacht. Und natürlich bilde ich mich jetzt immer noch weiter.

Was machst Du außer Unterrichten, z.B. singen?

Ich singe z. B bei Ausstellungseröffnungen, bei Hochzeiten, anderen Festivitäten, Werbung. Im Moment mache ich ein Projekt mit einer anderen Sängerin. Ab und zu drehe ich Filme, habe Sprecherjobs oder mache eine Lesung. Deshalb gebe ich auch Workshops für Sprecher und arbeite mit Sprechern: Stimmbildung natürlich, Artikulation, Textarbeit und solche Sachen.

Welche Stile singst und unterrichtest Du?

Ich liebe besonders lateinamerikanische und dann brasilianische Musik, Jazz, auch andre Sachen, alles was gut ist. Aber am meisten interessiert mich das improvisative Element. Ich bin nicht so sehr festgelegt. Deshalb unterrichte ich eigentlich alles, was es so gibt, wobei es natürlich ein Grundprogramm gibt.

Wo unterrichtest Du?

Bei Waggong, bei mir zu Hause und in der Scream Factory. Oder nach Buchung.

Welche Unterschiede gibt’s da?

Meine Workshops bei Waggong werden eher von Leuten besucht, die schon eine Zeit lang im Leben stehen und selten unter 20 sind, obwohl das Bunkerpublikum sonst ja eher jünger ist. Viele kommen von außerhalb. Warum sie eher älter sind, weiß ich nicht, vielleicht, weil man manchmal erst im Laufe der Zeit merkt, daß man etwas verändern müßte, vielleicht wegen dauernder Heiserkeit oder so, oder weil man mal was Neues ausprobieren will, was einem dann plötzlich nicht mehr so leicht fällt. Und bei Waggong kannst Du auch einfach so mal einen Stimmbildungsworkshop belegen.

Zur Scream Factory kommen wiederum viele Leute, die das als eine Art Berufsausbildung sehen. Für viele ist der Unterricht der erste Schritt ins Musikbusinness. Ich unterrichte dort einige Leute, die gerade am Anfang einer Studiokarriere stehen. Da sind ja sehr viele Produzenten oder Teams, die mit Sängern und Sängerinnen zusammenarbeiten und versuchen, in die Charts zu kommen. Die meisten Schüler, die ich aus dem Rock, Metal und Dancefloor-Bereich habe, sind von der Scream Factory. Die Leute, die ich privat habe, singen eher klassisch oder Jazz. Auch wenn da ein Mitglied einer bekannten Rodgauer Formation drunter ist, die sich eher mit deutschen Texten ausdrückt.

Ein wichtiger Bestandteil Deiner Arbeit ist die funktionale Stimmbildung nach Lichtenberg. Kannst Du diese Methode in wenigen Sätzen erklären? Was ist zum Beispiel der Unterschied gegenüber der klassischen Stimmbildung?

Meiner Ansicht nach ist das wesentliche jeder funktionale Methode, daß das System, welches die Stimme hervorbringt, auf effektive Weise funktionieren soll, so daß ein Optimum erreicht wird in der Art und Weise des Zusammenspiels der verschiedenen Muskelgruppen und Organe, die man zur Stimmerzeugung braucht. Und im klassischen geht es hauptsächlich darum, daß ein Klangideal erreicht wird, d.h. daß die Stimme auf eine ganz bestimmte Art und Weise klingt, egal wie sie das hinkriegt.

Kannst du das bitte an einem einfachen Beispiel erläutern?

Wenn jemand auf eine Art und Weise singt, die ihn eher belastet, funktional belastet, hört sich das für das normale Ohr anstrengend an. Nicht jeder findet dann zwar gleich, daß das sehr unangenehm ist; es gibt ja auch Leute, die zum Beispiel Joe Cocker sehr schätzen. Aber das hat dann auch damit etwas zu tun, daß das eigene System darauf reagiert, also das System des Hörers vielleicht Ähnlichkeiten in der Art der Nutzung der Stimme aufweist. Die funktionale Methode kümmert sich nicht darum, ob das jetzt so klingt wie Joe Cocker, sondern darum, ob die Stimme, egal wie sie ankommt, optimal und schonend funktioniert. Was dann rauskommt, ist dann meistens nicht oder mehr als Joe Cocker.

Und Lichtenberg im ganz speziellen, da habe ich den Eindruck, daß einer der größten Unterschiede darin besteht, daß die Brillanz als wichtigstes Element, als Ordner hervorgehoben wird. Die funktionale Richtung ist übrigens Stimme pur – ohne Abstraktion, ohne Mikrophon und Technik. Die Popularmusiken haben dagegen in der Regel das Mikrophon dabei: Du hörst dich dann nicht nur so, wie Du Dich sowieso hörst, wenn Du im Raum bist, sondern Du hörst Dich, wie die Mikrophone Dich hören.

Kann es auch andere Probleme geben?

Es gibt auch Leute, die überhaupt nichts mit der funktionalen Methode anfangen können. Die sind auf einem ganz anderen Weg und verstehen überhaupt nicht, worüber man redet. Aber die meisten Leute kann ich dazu bringen, daß sie sich selber überzeugen. Denn sobald sie einmal anfangen sich einzulassen, machen sie Erfahrungen, die sie dazu bringen, das doch in Erwägung zu ziehen. Das heißt nicht, daß sie immer nur so arbeiten oder singen wollen. Denn wenn man mal die Funktionalität zum obersten Prinzip erhebt und alles beachten will, was man da so beachten kann und nur noch so singen will  – weil es ja auch sehr schön, sehr ausgleichend, sehr erhebend und auch mächtig ist -, dann kommt man früher oder später auch zur Klassik, was aber alles andere natürlich nicht ausschließt. Meine Entwicklung hat jedenfalls einen unheimlich Schub getan durch die funktionale Stimmbildung und diese Ausbildung, die ich darin gemacht habe. Auch wenn ich unterrichte, lerne ich immer noch dazu durch die Art, wie meine Schüler das machen.

Was tust Du noch außer der funktionalen Stimmbildung?

Also, ich mache auch Gehörbildung und Noten, Rhythmus, Atemtraining; alles, was man so braucht. Improvisation liegt mir natürlich auch am Herzen. Es geht mir da nicht hauptsächlich um Jazzimprovisation, sondern grundsätzlich um den spielerischen, eben improvisativen Umgang mit Musik. Was kann man da entdecken an eigenen stimmlichen Möglichkeiten?

Ich hab schon von einigen Fällen gehört, wo Menschen ihre Stimme durch den herkömmlichen, klassischen Gesangunterricht geschädigt haben.

Ich kenne da überhaupt keinen Fall. Es gibt natürlich Lehrer, die die Leute, obwohl sie gar keinen Weg zusammen finden, behalten. Da muß der Lehrer noch nicht einmal schlecht sein. Es ist bloß einfach so, daß man vielleicht in der Kommunikation nicht zusammen paßt, also daß der Lehrer einfach nichts mit dem Schüler anfangen kann oder umgekehrt. Es gibt ja verschiedene Persönlichkeiten, verschiedene Arten sich zu geben. Auch wenn man pädagogisch und didaktisch ausgebildet ist, hat man trotzdem Vorlieben und Abneigungen.

Es unterrichten auch viele Sänger, die mit sich selbst gut zurechtkommen, und nicht alle von denen haben eine Ahnung davon, wie sie es eigentlich machen. Das heißt: alle Leute, die mit ihnen arbeiten, können nur lernen, es genauso machen wie sie, ob ihre Stimme das nun schafft oder nicht, und nicht auf ihre eigene Weise. Dann hatte ich mal einen Fall, der hat sich seine Stimme ruiniert, als er Karaoke gesungen hat, weil er immer versucht hat, etwas zu singen, was damals noch außerhalb seiner stimmlichen Möglichkeiten lag. Das war sehr unschön für ihn.

Wie ist es ausgegangen?

Es ist besser geworden. Aber leider hat er nicht ganz vom Karaoke lassen können und hat zu früh wieder angefangen.

Im Rockbereich gibt es oft SängerInnen, die nie richtig gelernt haben, ihre Stimme zu nutzen, die sich einfach irgendwann hinstellen und anfangen zu singen. Gerade da besteht doch die Gefahr der Stimmschädigung, vor allem wenn man mit ungenügender Verstärkung gegen Schlagzeug und E-Gitarre ankämpfen muß.

Das ist klar. Wichtig ist auch, wie Gesang und Instrumente zusammen klingen. Früher haben alle Instrumente so gespielt, daß sie optimal klangen, also in gewisser Weise funktional. Dann gab es Veränderungen in der Musik: die Instrumente wurden plötzlich auf eine Art und Weise benutzt, wie sie vorher nicht benutzt worden waren. Also nicht ganz so auf Wohlklang ausgerichtet. Wenn jetzt z.B. jemand auf der E-Gitarre ‘krschschng’ macht, dann ist das halt blechern, und dieses blecherne hat man als Ausdruckmittel für ein ganz neues Musikverständnis benutzt. Und dann soll die Stimme dazu passend funktionieren. Deshalb gibt es einige Leute, die kommen und sagen: Ich will auf keinen Fall klassischen Gesangsunterricht haben, weil sie Angst haben, daß sie hinterher als Opernsänger rumlaufen und nicht mehr ‘UaäähUaäähUaääh’ [Lil rotzt Doom-Metal-mäßig los] machen können. Ich mache dann halt Stimmschonungsprogramme, also eigentlich normalen funktionalen Unterricht, und versuche Wege zu finden, wie man das ohne große Anstrengung tun kann. Bei manchen ist es möglich, daß sie sich schonend behandeln und trotzdem über die Stränge schlagen können.

Was kannst Du jemand in so einem Fall zeigen?

Viele wollen zum Beispiel sehr laut sein. Für die meisten ist es dann gut, erstmal die Bruststimme zu stärken, damit sie überhaupt das Gefühl haben, etwas ablassen zu können. Viele Leute machen das sonst mit dem Überdruck. Wenn man aber z. B. die Brustmuskulatur lockert, die Resonanzräume etabliert oder erfahrbar macht, dann ist der Weg der automatischen Nutzung größer. Ein wichtiger Punkt ist ja, daß man als Sänger akzeptiert, daß ein Großteil der Stimme nicht vom Verstand gesteuert wird, sondern vegetativ. Und wenn man z. B. die Resonanzräume nun für das Gesamtsystem erfahrbar macht, dann hat man mehr Chancen sie zu nutzen. Das Abklopfen der Brust ist ein ganz einfaches und gutes Mittel und führt oft zu größerer Leichtigkeit.

Kannst Du Beispiel nennen für Bestandteile oder den Verlauf einer Unterrichtsstunde?

Mein Unterricht beginnt immer mit einer Art Feedback: Wie ist es Dir ergangen? Hast Du geübt oder nicht? Nicht jeder muß dauernd üben, aber ich will wissen, ob sich jemand beschäftigt hat oder nicht. Dabei kommen den Leuten dann oft Gedanken und Ideen zu den Sachen. Das wichtigste ist eigentlich die unterbewußte Beschäftigung, die ich damit anzuregen versuche. Manchmal ergibt sich dann daraus das Thema einer Stunde, weil jemand mit irgendetwas beschäftigt ist. Bei Leuten, die Schwierigkeiten mit ihrer Stimme haben, fange ich eher mit Eintonübungen an, und schaue, was sich daraus ergibt. Ich versuche auch Repertoire zu erarbeiten, an dem sie das Erlernte ausprobieren können.

Wesentlich bei Lichtenberg ist ja auch die Schulung der Wahrnehmung…

Ja, ein wichtiger Punkt. Es gibt ja drei Grundwahrnehmungsmöglichkeiten: Sehen, Hören und Fühlen. Heutzutage ist das Hören ziemlich in den Hintergrund getreten, weil wir alle so glotzen. Die meisten Leute hören eher wenig von dem, was sie wirklich absondern. Sie hören nicht, wie es wirklich klingt, ohne Vorgaben und Vorurteile und geschmackliche Einschränkungen. Und dann wird stark kritisiert und verglichen: ist es jetzt genauso, wie das Vorbild – alles andre ist nämlich verboten – schön oder schlecht oder weiß der Geier was, nur fertig muß es sein, unangreifbar. Die Alternative wäre, Fragen nach einer der Stimme eigenen Qualität zu stellen, wie angestrengt oder nicht angestrengt, beweglich oder unbeweglich, stumpf, spitz, glitzernd, flach, aufgerichtet. Um diese Fragen zu beantworten, muß man seine Sinne gebrauchen lernen und dafür gibt es Übungen.

Worum geht es Dir also grundsätzlich?

Es lohnt sich, das, was einem an Material zur Verfügung steht, auch nutzen zu lernen. Singen und Sprechen ist eine Art, eine Distanz zu überwinden. Wenn man weiter entfernt ist, dann muß man seine Stimme nutzen, um sich verständlich zu machen.

Erna, bring mir mal ‘n Bier!

Genau. Erna weiß nicht, daß Du ein Bier brauchst, weil sie kuschelt nicht neben Dir oder lebt nicht in Deinem Bauch oder Deinen Blutgefäßen. Es geht immer um diese Distanzüberwindung und irgendwie müssen wir uns in diesem riesigen Raum, in dem wir so allein sind, auch fühlen. Wir durchqueren den Raum, und indem wir den Raum mit unserer Stimme durchqueren, bemerken wir uns auch. Man liebt es deswegen so zu singen oder seine Stimme zu gebrauchen, weil man sich selber dabei bemerkt und fühlt und sich dabei auch selber berührt: Ich bin da, mich gibt es, und das ist auch eine Form von Wollust und deswegen natürlich eher verboten.

Lil, vielen Dank für dieses Gespräch.

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Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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