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Captain Sperrmüll

veröffentlicht in Prisma Nr. 5

Diese Gruppe wurde vor ungefähr fünf Jahren gegründet. Laut Didi, dem einzi­gen der Gründungsmit­glieder, der heute noch dabei ist, „um die abgefuckte saarländische Kulturszene aufzumöbeln“. Dies macht CAPTAIN SPERRMÜLL auch heute noch mit Anarcho-Rock und etwas Blues. Ihre Musik hat sich seit damals allerdings weiter­entwickelt, und auch die Texte sind besser geworden.


Die „Mülls“ fallen im Vergleich zu anderen saarländischen Rockgrup­pen schon durch ihre Lebensweise auf: alle leben zusammen in einer Kommune (Hauptunterschied – nach Didi – zu einer Wohngemeinschaft: keiner hat sein eigenes Geld, son­dern alles befindet sich in einem großen Pott – genannt Loch -, auch die Anlagen gehören allen. Zwar hat jeder ein paar persönliche Sachen, doch wird sonst alles geteilt wie z.B. die Kleider), sie arbeiten zusammen in ihren Schmuck-, Elektronik- und Hobbylederwerk­stätten (allerdings nur, wenn fol­gendes ihnen noch Zeit dazu läßt) und feiern zusammen. Didi und Moni bestehen darauf, daß ich ihre Orgien, Saufgelage und ihren Shit­verbrauch (1 kg pro Monat) erwähne; außerdem, daß sie gegen harte Drogen sind.

Komischerweise haben sie keine Schwierigkeiten mit Ämtern oder Obrigkeiten, da sie nichts mit diesen zu tun haben. Vielleicht auch, weil sie einen bestimmten Aufkleber an ihrer Haustür haben (siehe Titelbild: „Wir müssen draußen blei­ben.“). Didi: „Jeder sollte sich so’n Aufkle­ber an die Tür machen, weil die Bullen Verbotsschildern so hörig sind, daß sie einem sicher nicht die Bude auf’n Kopp stellen.“ Er hat allerdings den Verdacht, daß ihr Telefon abgehört wird…

Zu internen Problemen meinte Didi: „Es gebbt iwwerall Huddel“, es kommt seiner Meinung nach aber darauf an, wie man ihn löst. Die „Mülls“ tun dies mit einem Plenum, bei dem sich die Leute, die dort wohnen, versammeln. Die „Öffentlichkeit“ wird hierbei ausge­schlossen, denn CAPTAIN SPERRMÜLL bekommt viel Besuch in jener großen ehemaligen Dynamitfabik, in der sie hau­sen. Dieses Plenum endet in einer der besagten Orgien oder der Halbzer­störung (ein paar Teller, Tassen usw., aber beim nächsten Sperrmüll findet man wieder einiges). Aller­dings wird nach der Halbzerstörung alles wieder aufgebaut. Als ich fragte, was sie noch gerne machen würden, meinte Didi, er würde gern in einen Supermarkt gehen können, ohne bezahlen oder klauen zu müs­sen.

Musikalisch versucht CAPTAIN SPERRMÜLL sich nicht auf eine Stilrichtung festzulegen. Sie sind jetzt außerdem bei Schneeball (Vertrieb der Musiker, die ihre Platten gemeinschaftlich verkaufen, und der zusammen mit anderen unab­hängigen Labels einen Platten­vertrieb über Deutschland aufziehen will). Platten gibt es bis jetzt zwei (die letzte halt bei Schneeball). Hier mal als Kostprobe den Titelsong der zweiten LP „die sonne geht auf“:

neonlicht und automatenfreundlichkeit
gute atmosphäre für den plastiktrank
für diese eingetrübte welt
braucht man heut schon ‘ne reaktorsonne
grau ist der tag
der mich fühlen läßt wie wehrlos ich bin
die angst die mir im nacken sitzt
werd ich nicht los
dunkel ist die nacht die keine zärtlichkeit kennt
ich geb nicht auf und überwinde meine angst
da erscheint der erste sonnenstrahl

die sonne geht auf
der tag bricht an
glas und beton
zerschmelzen im nu
richter verwesen
im eigenen knast
hunde bellen
durch die trümmer
neugeborne schrein
wecken mich auf

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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