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Die Erben der CAN – Damo Suzuki und The Whole in Offenbach

Gestern war der Abend, an dem sich Kreise schlossen. Meine eigenen umfassen 15 Jahre – lasst mich von ihnen erzählen in Gedenken an Hunter S. Thompson.

Es war 1990, als ich aus der saarländischen Provinz in jenes heute längst gesprengte Studentenwohnheim einfiel, in der Tasche ein paar CAN-Cassetten, mit denen ich alle infizierte, die bereit dazu waren. Immer offen für Neues war ein Mann, der sich Member nannte. Wir schrieben Texte (deren erster kürzlich im Hanfblatt erschien) und machten Musik. Als Member mit Chris und Stolle die musikalische Selbsterfahrungsgruppe Lay de Fear gründete, war ich nicht aktiv dabei. Die grandiosen Möglichkeiten dieser Gruppe waren für mich anfangs nicht erkennbar, stattdessen ließen mich der Standesdünkel des Halbprofis und die Angst um meine psychische Gesundheit Abstand nehmen.

Dafür übernahm ich irgendwann den Part des Live-Mixers. Schwupp war 1993/94 und Lay de Fear spielte als Vorgruppe von Damo Suzuki & Friends beim Asta-Fest der FH Frankfurt. Der Asta-Chef kam in einer Pause zu mir: „Hast du was dabei?“ Klar, hatte ich damals.

Schon waren wir unterwegs. Er, meine Freundin Andrea, ich und Damo. Ich war glücklich. Links von mir die Frau, die ich liebte, an meiner rechten Seite der Ex-Sänger meiner Lieblingsband. Die nächste Stunde verbrachten Andrea und ich damit, Trichterzigarren für die Band zu rollen, um sie in den Orbit zu schießen. Bis ich mich vor der Bühne vorfand, „Halleluhwah“ sang und Damo einstieg. Närrische Jahre mit ihrem eigenem, kleinen Zauber.
The Whole und Damo Suzuki Backstage

Dann wurde ich Vater, der Bass hing meist am Nagel, und erkannte, dass viel zu oft das „Recht auf Rausch“ mit der „Pflicht zur Dröhnung“ verwechselt worden war. Kurz und gut: ich wurde ein langweiliger, alter Sack. Mit Ausnahme des bisher letzten VALIS-Gigs 1997, als Stolle uns mit seiner abgefahrenen Combo UBIK Paint aus Karlsruhe begleitete. Member dagegen verschrieb sich mit blasser Haut und langen Haaren dem Künstlerleben. Bei Tinnitus Mask absolvierte er nicht nur sein Gesellenstück als Bassist, sondern fand in Christian einen exzellenten Drummer. Als wir drei am 12.03.1999 beim HELGE-Projekt zusammen mit Holger und Tim als letzte Band nach M.E.L.T. eine 25-minütige Live-Impro in die Gehörgänge der Anwesenden knallten und Bandow vor Begeisterung auf der Bühne strippte, war Christian der bislang letzte Drummer, mit dem ich zusammenspielte.

Lay de Fear ist längst Vergangenheit, doch Member und Stolle haben sich dort gefunden, spielen nun seit 12 Jahren zusammen. Mit Christian entstand „The Whole“. Eines der vielen Projekte Members, über die nur er wirklich schreiben kann. Ich baute Webseiten, solche wie diese hier. Und irgendwann war ein Eintrag von Damo Suzuki in meinem Gästebuch. Er hatte beim Googeln den Teil über Can aus meiner Diplomarbeit gefunden. Ich machte Member darauf aufmerksam, er nahm Kontakt auf und ein neuer Kreis begann.

So stand ich gestern da, zusammen mit Kick, mit dem ich 1990 im Studentenwohnheim mein erstes Zimmer geteilt hatte. Die erste Hälfte des Konzerts war gut. Nichts überragendes, aber nett. Es fehlte der ein oder andere Musiker auf der Bühne, die Arabesken eines mögliches Overdubs. Pause. Dann die Explosion, aus der ein lebender Phönix aufstieg und einen langen Flug begann. Der Moment, wenn die Energie der Musiker zu einem großen Ganzen verschmilzt, das einen packt und mitnimmt auf die Reise. Sie machten meinen Körper zu einem einzigen Feld der Resonanz ihrer Vibes. Ich schrie mit Damo, fickte Stolles Gitarre, rumorte mit Members Bass und wirbelte in Christians Händen über die Toms. Grandios. Das ist es, wofür wir leben. Ekstase.The Whole und Damo Suzuki Live

Dieser Moment erscheint ewig und man wundert sich, wenn er vorbei ist. Wenn aus der Gestalt des Phönix vier einzelne Musiker werden, die seine Asche suchen. Doch eine Viertelstunde war uns geschenkt worden. Ich bewundere Member, wie er gleichzeitig Bass spielte und den Keyboards psychedelic-trancehafte Klänge bis zur Noisegrenze entlockte. Hatte nicht erwartet, Damo so meliodiös und facettenreich zu erleben – er toppte alles, was ich von ihm bei Can gehört hatte. Christian gelang das Kunststück, die straighte Dynamik eines Jaki Liebezeit mit unglaublichem Groove zu verbinden. Und Stolle hob ab, drehte Pirouetten um sich selbst, ein Irrwisch, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Während der Phönix flog, dachte ich: das ist CAN heute, der alte Geist, das vertraute Instrumentarium, aber auf dem Level von 2005.

Wie zur Bestätigung kam der Impuls von Stolle. The Whole spielte Mother Sky und Damo sang dazu. Martina schenkte mir das Lächeln ihrer Gegenwart und ich gönnte es Member von ganzem Herzen, nach 15 Jahren mit Damo auf der Bühne zu stehen und einen CAN-Song zu spielen.
Eine Stunde ging diese Improvisation, die den zweiten Set bildete. Markus aus Regensburg folgte endlich der Einladung, erfüllte als fünfter Mann auf der Bühne unser altvertrautes Prinzip der 23 und half der Band über einen Hänger hinweg. Es wurde funky, Damo rappte, bis schließlich in den letzten fünf oder zehn Minuten der Phönix wieder ein paar Runden drehte und die Band ein grandioses Finale ablieferte.
Damo Suzuki, Member und Loewenherz Backstage

Jetzt heisst es warten. Auf die Box mit zwei Live-CD’s. Das Beste aus dem ersten Set, verziert mit zusätzlichen Instrumenten und Stimmen, der zweite Set zusammengeschnitten zu einer einzigen langen Explosion: Der Phönix (sang Damo dort „Tears of my life“?), Mother Sky und das Finale. Das wäre meine Variante.

Und ich sitze da auf meinem Felsen am See und betrachte die Kreise längst verschollener Steine. Wie sie sich berühren, überschneiden, das Ufer küssen und wieder zurückwandern. Erlebe die Magie, wenn sie ab und an verschmelzen zu einer Welle, die keinen Anfang hat und kein Ende. Die einfach nur ist.

 

Fotos von diesem Gig in der Galerie:

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

1 Kommentar

  1. Hey tor,
    wundervoller Artikel, das. schreiben kannste. solltest du noch mehr Fotos haben, schick sie doch bitte an member oder mich.
    Weitere Aufbereitung des Gigs wird folgen, unser Tapemitschnitt mit 2 Mikros ist schonmal super geworden.
    stay tuned,
    luv, stolllllllle

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