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Improvisation in der indischen Klassik

Die Musik des indischen Subkontinents

läßt sich in zwei eigenständige Zweige aufgliedern, die in Nomenklatur, Stil und musikalischer Grammatik deutlich voneinander verschieden sind: die hindustanische (nordindische) und die karnatische (südindische) Musik. Jedoch ist die Improvisation für die gesamte indische Musik von zentraler Bedeutung.

Im spirituellen Leben des Landes

ist die Musik – historisch wie theoretisch – festverankert: „Die Prinzipien der Musik sind spirituelle Gesetze, und ihre Autorität ist religiöser Natur. Ästhetik und Kult sind untrennbar miteinander verbunden.“ (BAILEY, 14) So ist die rein theoretische Anleitung eines Musikers fast ausschließlich ästhetischer, nicht musikalisch-technischer Natur. Deshalb erfolgt die Ausbildung der Musikalität eines Schülers durch den praktischen Unterricht von seiten eines ausübenden Musikers, der ihn anleitet, „seine eigene persönliche Entwicklung voranzutreiben und seine musikalische Selbständigkeit zu festigen“ (BAILEY, 14), Ziele also, die wir als Teil der Wirkung von improvisierter Musik feststellen können.

Improvisieren zu lernen

ist demnach eine praktische Angelegenheit; wie sie funktioniert, erfährt man durch die Fehler und Erfolge, die sich dabei einstellen. Notierte Musik fehlt, der Unterricht stützt sich allein auf Gehör, Einprägung und Fortentwicklung der Musik in den Händen improvisierender Künstler, wodurch sie sich, so Yehudi MENUHIN, „durch dreißig Jahrhunderte oder länger gemächlich fortentwickelte, mit dem gleichmäßigen Pulsschlag eines Flusses und dem stetigen Wachstum eines Mammutbaums.“ (BAILEY, 29)

Den Improvisationsrahmen bildet der Raga,

ein offenes modales Strukturmodell. O.C. GANGOLY schreibt dazu in ‚Raga and Raginis‘: „Ein Raga ist mehr als seine äußere Gestalt, mehr als der Körper. Er hat eine Seele, die den Körper belebt und in ihm wohnt. Die Sprache der indischen Poetik kennt diese Seele, dieses Prinzip, als Rasa: als Essenz, Gefühlshaltung, leidenschaftliche Empfindung.“ (BAILEY, 20) Ebenfalls variabel sind die verwendeten Intervalle, Sruti und Svara, sowie die rhythmisch-metrische Periodenbildung, der Tala. Dazu kommt der Laya als rhythmisches Feeling. So ist das Ausgangsmaterial wesentlich durch Offenheit und Flexibilität bestimmt, wodurch Improvisation ein selbstverständlicher Bestandteil des indischen Musiklebens ist.

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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