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Improvisation in der abendländischen Klassik

Daß Improvisation in der klassischen abendländischen Musik

eine Rolle  gespielt haben könnte, ist schwer vorstellbar, wenn man sich dieses ‚versteinerte‘ Genre betrachtet. Doch auch hier (vgl. Ernst T. FERAND, 1938 und 1961) war die Musik einmal eine lebendige Kunst: „Entwicklung und frühe Praxis sowohl des Gregorianischen Gesangs wie der Mehrstimmigkeit vollzogen sich größtenteils im Medium der Improvisation; die Orgelmusik des 17. Jahrhunderts ging hauptsächlich aus dem Stegreifspiel der Musiker hervor; und das gesamte 17. und 18. Jahrhundert hindurch wurde die Begleitung in Oper und Kammermusik gewöhnlich der Improvisation über einem bezifferten Baß überlassen, der seinerseits aus einem improvisierten Kontrapunkt hervorgegangen war.“ (BAILEY, 41) Beispiele von Improvisation in der Musikpraxis der 17./18. Jahrhunderts finden sich – wenn auch in festen Formen – in der Fugenimprovisation BACHs, der Variationenimprovisation MOZARTs, der Konzertkadenzimprovisation BEETHOVENs sowie bei REGER oder PFITZNER (vgl. LINDLAR, 84).

Mit Beginn des Barockzeitalters

erstreckte sich die improvisatorische Verzierungspraxis gleichermaßen auf weltliche wie geistliche Gattungen, auf die Arien in Oper und Oratorium, auf Kantaten und geistliche Konzerte, Lieder und solistische Gesangsstücke aller Art, und ebenso trat sie in den neu aufkommenden Formen der Instrumentalmusik, vor allem in Sonaten und Konzerten, in Erscheinung.“ (BAILEY, 41)
Die Komponisten des Barock waren in der Regel ihre eigenen Interpreten, die nur wenige Stellen ihrer Komposition ausschrieben; die niedergeschriebenen Noten waren eine Art Gedächtnisstütze, das Skelett einer Musik, die erst durch die Improvisation beim Spielen Gestalt wurde. Durch die zunehmende Spezialisierung, einer Art mechanistischer Arbeitsaufteilung der Musik, wurden die Musiker zu reinen Vollstreckern: Sie haben das zu spielen, was der Komponist notiert hat, während das Ohr des Orchesterdirigenten die Luft nach Verbotenem absucht (vgl. Elias CANETTI, 1960). Würde sich eine heutige Aufführung mehr durch den Beitrag des Interpreten auszeichnen, als durch die Noten des Komponisten, so wäre dies – nach der auf dem Musiksektor vorherrschenden Meinung – ein künstlerisches Sakrileg.

„So spielt denn Improvisation in der heutigen Aufführungspraxis eine gewisse, doch streng limitierte Rolle, die sich darauf beschränkt, die Leerstellen des schriftlich überlieferten auszufüllen. Um zu konservieren, was heute als unveränderliche Gestalt der Barockmusik hypostasiert wird, wurde die Improvisation ihrer angestammten Funktion als Regenerations- und Innovationsquelle beraubt und zu einem behutsam dosierten schmückenden Beiwerk degradiert.“ (BAILEY, 57)

Tor Loewenherz

Autor: Tor Loewenherz

Mit acht Jahren Klavierunterricht, ab 18 E-Gitarre und Bassgitarre. Ab 1983 erste Band. Erster Tonträger 1989 (MC VenDease live). Lehrer für Bassgitarre. Als Musik-Journalist beim Fachmagazin "the Bass", dem Musikermagazin Kick'n'Roll u.a.. Musik-Projekte in Offenbach und Frankfurt mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten. Gesangsunterricht im Bereich funktionaler Stimmbildung nach Lichtenberg und Reid mit Studium klassischer Literatur. Diplomarbeit zum Thema "Musikimprovisation in der Sozialpädagogik". Seit 1996 sporadische Auftritte mit meist improvisiertem Charakter.

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